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September 11, 2016 fritz

Noch 61 Nächte bis zur „Ästhetik“-Lesung in Rostock

Der Schatten des realen Sozialismus

Am gestrigen Abend hat im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin (ilb) der große Schauspieler Burghart Klaußner  („Die fetten Jahre sind vorbei“, „Das weiße Band“, „Der Staat gegen Fritz Bauer“) aus der Erzählung „Der Schatten des Körpers des Kutschers“ von Peter Weiss vorgelesen. Ein Auszug von 40 Minuten, den Klaußner in seiner komplexen sprachlichen Dichte im oberen Foyer des Berliner Festspielhauses grandios las, vermittelte einen beredten Eindruck davon, warum dieses feine Meisterwerk der deutschen Sprache Weiss 1960 in der Bundesrepublik zum Durchbruch verhalf. Schon 1952 geschrieben, wurde das schmale Bändchen erst in der 1960er Jahren in Deutschland berühmt und begründete Peter Weiss‘ spätere Erfolge als Dramatiker mit den Theaterstücken „Marat/Sade“ und „Die Ermitttlung“, das im Gefolge des Frankfurter Auschwitz-Prozesses entstand.

Der Festivaldirektor des ilb, Ulrich Schreiber, höchst selbst gab vor Klaußners Vortrag eine kurze Einführung in das Werk Peter Weiss‘ und seine Bedeutung für ihn selbst, der er Mitgründer der Internationalen Peter Weiss Gesellschaft und der Peter Weiss Stiftung für Kunst und Politik ist, die das ilb im Grunde trägt. Seit 16 Jahren leitet er das renommierte Literaturfestival nun und hat doch in diesem Stress noch die Zeit gefunden, auch unser Projekt der Stafettenlesung der „Ästhetik des Widerstands“  zu unterstützen: Er hat nicht nur einen Abschnitt des Romans für uns eingelesen, sondern auch unsere Fragen zu seinem Verhältnis zu Peter Weiss und seinem Werk beantwortet.

Dabei betont er, dass er das Werk zwar sowohl politisch, als auch künstlerisch sehr schätzt und es großen Einfluss auf seinen Werdegang hatte, dass er jedoch zu Zeiten politisch nicht einer Meinung mit Weiss war: „Er war mir viel zu sehr orientiert an dem, was im realen Sozialismus geschah, furchtbar zum Teil“, sagt Schreiber, der sich damals intensiv am eurokommunistischen Diskurs beteiligte, in der „AG Westeuropäische Arbeiterbewegung“ engagierte und zum Gramsci-Experten entwickelte. Als 1981 in Polen General Jaruzelski putschte und das Kriegsrecht verhängte, wollten Schreiber und unter anderem Jürgen Fuchs gemeinsam mit Peter Weiss eine kritische Veranstaltung dazu in Berlin machen. Weiss aber habe abgewunken und gesagt, man solle erst „noch ein bisschen warten“. Er habe erst die Entwicklungen in Polen abwarten und „sich da nicht so reinhängen“ wollen.

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