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September 12, 2016 fritz

Noch 60 Tage, keine zwei Monate mehr, bis zur Stafettenlesung

Zitat Nr. 13

„… das Unheimliche sei vielmehr das ein für alle Mal Feststehende, diese riesige, unnahbare Ordnung, die kaum etwas Beunruhigendes von sich gibt, die einfach nur da ist, mit Selbstverständlichkeit fortwirkt und all das bestimmt, was uns dann schließlich, auf weit verzweigten Umwegen, erwürgt und vernichtet. Das Unheimliche, wiederholte er, an die Wand des Treppenhauses gelehnt, ist nicht das Grauenhafte, das wir doch, wenn wir uns anstrengen, zu sehn vermögen, sondern unsre Unfähigkeit, das banale, kompakt Unverrückbare zu erkennen. Denn was denn dies sei, sagte er und starrte hinaus auf die neugelegte Straße, auf der Kinder gegen den Zugwind anradelten, diese Zahlen, die uns, mit ihren unerschöpflichen Mengen, so verwirrten, diese Zahlen von Menschen, die, durch alle Landschaften der Erde, ihrem Tod entgegenzogen, gehörten sie nicht, von Urzeiten an, zur Regel, waren uns die Zahlenmassen nicht eher gleichgültig als unbegreiflich, weil die Gewöhnung daranlängst genetisch geworden war, war nicht die Geschichte der Menschheit eine Geschichte des Mordens, waren Menschen nicht seit jeher, in dem Dezimierungsprozeß, wo die Stärkeren die Schwächeren auslieferten, zu hunderttausenden, zu Millionen versklavt, abgeschlachtet worden, im Assyrischen und im Ägyptischen Reich, im Reich der Hellenen und der Maya, unterm Vorzeichen höchsten Herrschaftsrechts, heiligster Führungsansprüche, zumeist zur Ehre von Göttern, oft begleitet von humanistischen, ja demokratischen Anschauungen, verurteilt zur Minderwertigkeit, Wertlosigkeit, hatten nicht die Römer bei der Verfolgung der Christen, die Perser, die die Babylonier vernichteten, die Araber, die in Persien einfielen, die Mohammedaner, die die Hindus besiegten, die Spanier, die die Mauren und Mohammedaner ausrotteten, die Gerichte der Inquisition, die ungeheuerlichen Raubzüge des Kolonialismus, denen ganze Völker zum Opfer fielen, immer Anspruch erhoben auf gerechtes Wirken, auf Überlegenheit der einen Rasse oder Religion gegenüber der andern, die den Untergang verdiente, hatten die Mörder nicht stets gehandelt ohne Grausen, ohne Reue, ohne geringste Empfindlichkeit für die Leiden und Schmerzen der Unterworfnen, waren sie nicht stets herbeigeeilt, um auszuführen, was die Caesaren, die Könige und Fürsten, die Freibeuter, Wiedertäufer und paranoiden Abenteurer, bis zu den Führern unsrer Parteien, ihnen befahlen, waren sie nicht immer und überall bereit gewesen, hunderttausende und Millionen auszutilgen, nicht, weil sie sie haßten, sondern nur, weil es so sein mußte. War dieses Wüten aus Überheblichkeit, abgesehn von den gewöhnlichen, zur Tagesordnung gehörenden Kriegen, und den Liquidationen nach geglückten oder mißglückten Revolutionen, nicht Bestandteil unsres Lebens, konnte es uns da Wunder nehmen, daß auch die Juden nun, seit dem Mittelalter Ketzer und Sündenböcke, beseitigt werden sollten. Von einer Entwicklung im Sinn des Fortschritts könne nicht die Rede sein, und auch von einem technischen Gewinn nur in geringem Grad, es war umständlicher gewesen, die Verurteilten den Löwen vorzuwerfen, zu Brandfackeln zu machen, ihnen die Brust aufzuschneiden und das lebende Herz rauszureißen, sie zu pfählen, auf dem Rad zu zerstückeln, ihnen den Scheiterhaufen herzurichten, als sie mit dem Genickschuß oder mit dem Maschinengewehr zu erledigen, es ging schneller jetzt, letzten Endes aber kam es aufs selbe heraus, ob es eine Woche oder einen Tag, ein paar Jahre oder einen Monat dauerte, bis man sich des Quantums entledigt hatte. Und der Sinn, sagte er, mit einem Winken der Hand, das die Notwendigkeit der Rückkehr andeutete, dieses Tränkens der Erde mit Blut ist, daß die Herrscher ihre Gefolgschaft durch die gemeinsam begangnen Verbrechen noch fester an sich binden.“

(Suhrkamp-Ausgabe in einem Band, Frankfurt am Main 1983, Band 3, S. 47f)

[Das Thumbnail zum heutigen Countdown-Post ist eine Photographie des verschollenen Gemäldes „Die Maschinen greifen die Menschen an“ von Peter Weiss, © Gunilla Palmstierna-Weiss, Mikael Sylwan]

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