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November 1, 2016 fritz

Nur noch zehn Tage bis zur Stafettenlesung

„Ästhetik des Widerstands“: Ein Berg, den man erklimmen muss

Die Schriftstellerin Gila Lustiger, die zuletzt mit ihrem Essay „Erschütterung – Über den Terror“ in Erscheinung getreten ist, identifiziert sich vor allem biographisch mit Peter Weiss, auch wenn sie nicht alle seine Ansichten teilt: Sie finde es interessant, „dass das Judentum fast keine Rolle spielt bei ihm und dass er eben dachte, dass ist im Prinzip eigentlich nur um Klassenkampf ging und um den Kampf gegen Faschismus“. Das hält Lustiger jedoch für einen fatalen Irrtum.

Die „Ästhetik des Widerstands“ sei für sie ein Text, der einem gezeigt habe, dass es möglich sei, analytisch zu denken, politisiert zu sein, Stellung zu nehmen zum sozialen Geschehen und zur politischen Wirklichkeit und trotzdem damit Literatur verfassen zu können. Lustiger: „Es ist eben ein Text, der sowohl literarisch ist, als auch engagiert. Und das so etwas möglich ist, sowohl zeitlos zu sein als auch dem Zeitgeschehen Rechnung zu tragen, das ist etwas, das wir gelernt haben mit der ‚Ästhetik‘.“

Sie wisse nicht mehr genau, sagt Gila Lustiger, was ihre erste Begegnung mit Peter Weiss gewesen sei. Sie erinnere sich an zwei sehr starke Momente: das erste sei ihre Lektüre von „Abschied von den Eltern“ gewesen, das sei für sie ein sehr beeindruckender Text gewesen. Und dann habe sie in Tel Aviv im Goethe-Institut die „Marat/Sade“-Inszenierung von Peter Brook gesehen – sie habe damals nicht gewusst, wer Peter Weiss sei, wer Peter Brook sei, natürlich schon – und sie habe sofort gewusst, dass sie etwas sehe, das sowohl das Theater verändern, radikalisieren, und was ein Einschnitt sowohl im Theater als auch in der Literatur sein würde. Es sei ihr, der damaligen Studentin, sofort klar gewesen, dass es ein radikaler Text, dass es ein Text sei, der sich nicht anbiedere an die Leser. Sie sagt heute: „Ein Text, der schwer ist, der alles Überflüssige weggeschnitten hat, es ist ein karger Text und man muss sich ihn erobern, wie ein Berg, den man erklimmen muss.“

 

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