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Oktober 5, 2016 fritz

Nur noch 37 Tage bis zur Stafettenlesung

Peggy Parnass: Peter Weiss‘ Panik vor den Deutschen

Besuch bei der alten Dame: In einem idyllischen Innenhof an Hamburgs Langer Reihe wohnt Peggy Parnass.  Sie streckt dem ihr unbekannten Besuch beide Hände entgegen, eine winzige Person mit wuscheligem, rotem Haar, und führt ihn in ihre abgedunkelte Wohnung, wo sich auf jedem freien und auch nicht freien Dezimeter auf dem Boden und an den Wänden Bücher, Zeitungsartikel, Fotos, Erinnerungsstücke, Plakate und Ordner stapeln. Ein Idyll für Büchermenschen und Forschende zu linker Geschichte. Fotos zeigen die Legende Peggy Parnass mit vielen berühmte Leuten, ein alter, vergrößerter Abzug in Plakatgröße etwa zusammen mit DDR-Dissident Wolf Biermann, Enthüllungsjournalist Günter Wallraff und „konkret“-Chef Hermann Gremliza, zwei weitere Aufnahmen zeigen sie mit Peter Weiss. Nachdem sie von ihrer Freundschaft mit Peter Weiss – beendet durch seinen jähen Herztod 1982 – erzählt hat, kommen weitere Erinnerungen hoch, an ihre frühe Wohngemeinschaft in einem ausrangierten Eisenbahnwaggon mit dem späteren „konkret“-Chef und Ehemann Ulrike Meinhofs (und heutigen politischen Rechtsaußen) Klaus-Rainer Röhl, dem Lyriker Peter Rühmkorf und Dick Busse, an ihre Freundschaft und die politischen Auseinandersetzungen mit Ralph Giordano bis zu seinem Tod und an Georg Stefan Troller, mit dem sie bis heute eng befreundet ist.

Nach kurzer Zeit ist es wie ein Besuch bei einer alten Freundin, sie kramt ein gebundenes Exemplar ihrer „Prozesse“ hervor, jener hoch gelobten 81 Gerichtsreportagen – überwiegend für „konkret“ –, die die Journalistin 1978 berühmt gemacht haben, signiert es und schenkt es dem Besucher. Dann schlägt sie unternehmungslustig vor, doch in die Konditorei um die Ecke zu gehen; dort ist es so rammelvoll, dass wir uns Himbeertorte und Birnenrahmkuchen einpacken und zuhause in der Küche mit löslichem Kaffee schmecken lassen. In der Frühe hatte Peggy Parnass‘ jüngerer Bruder Gady, der in Israel in einem linken Kibbuz zwischen Tel Avivb und Haifa lebt, angerufen und ihr zum jüdischen Neujahrsfest gratuliert. Sie hätte es sonst gar nicht bemerkt. Gady und sie waren 1939 mit einem Kindertransport nach Schweden den Nazis entkommen, die Eltern Simon und Hertha Parnass sind in Treblinka ermordet worden.

Dann ruft noch ihre beste Freundin an und wünscht ebenfalls „Shana Tova“ zum Jahr 5777 der jüdischen Zeitrechnung.

Sie deutet auf ein Foto im Bücherregal im Flur, es zeigt sie mit Peter Weiss‘ in Hamburg und man blickt in Weiss verstörtes, fast grimmiges Gesicht. Zur Vorgeschichte dieses Bildes erzählt Peggy Parnass folgendes:

2 Kommentare

  1. Michael Vorwerk 3 Jahren vor

    Ich freue mich, Peggy Parnass erwähnt und abgebildet zu sehen, obendrein zusammen mit Peter Weiss, einem meiner Hausgötter. Was ich gern wüßte: wer hat den Text über die Begegnung mit ihr verfaßt? Wann fand sie statt?

    • Autor
      fritz 3 Jahren vor

      Ja, die Begegnung fand am jüdischen Neujahrstag (3.10.) in Peggy Parnass‘ Wohnung in Hamburg statt und besucht habe ich die hoch verehrte Dame! Mit netten Grüßen und Dank für das Interesse: Friedrich Burschel

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