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Oktober 8, 2016 fritz

Noch 34 Tage und Nächte bis zur Marathon-Lesung der „Ästhetik“

zs316xBedingungen eines glückenden Sozialismus

Das Argument, die „Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften“, herausgegeben vom „Berliner Institut für kritische Theorie“ (InkriT), gehört zu den wichtigsten und traditionsreichsten Periodika der marxistischen Linken in Deutschland. Gründer des seit 1959 zweimonatlich erscheinenden Heftes ist der Philosoph Wolfgang Fritz Haug, der unsere Stafettenlesung der „Ästhetik des Widerstands“ ebenfalls unterstützt und neulich bereits seinen Abschnitt des Romans in Stuttgart eingelesen hat. Obwohl schon im März erschienen, ist es definitive nicht zu spat, auf die 316te Ausgabe von „Das Argument“ hinzuweisen, die Peter Weiss zu seinem 100. Geburtstag gewidmet ist und sich mit der „Aktualität der ‚Ästhetik des Widerstands'“ beschäftigt. Und unter den Autoren und der einen Autorin zum Schwerpunkt sind weitere Unterstützer unseres Projektes, nämlich der im Rahmen des Countdowns bereits erwähnte emeritierte Literaturprofessor Jürgen Schutte und Professor Manfred Haiduk, wohl der DDR-Experte für und langjährige Freund von Peter Weiss. Beide, Schutte und Haiduk, stehen uns von Anfang an beratend zur Seite bei den aufwändigen Vorbereitungen für das Ereignis im November in Rostock.

Wir dokumentieren hier das Editorial des Peter-Weiss-Heftes von „Das Argument“ aus der Feder von Mitherausgeber Peter Jehle, weil es so trefflich die Aktualität des Jubilars und seines Werkes auf den Punkt bringt. Wir freuen uns sehr, dass die Zeitschrift und der „Argument“-Verlag uns diesen und weitere Texte zur Zweitveröffentlichung überlassen, sicher auch, um noch einmal auf dieses wunderbare Peter-Weiss-Heft aufmerksam zu machen und überhaupt auf die unschätzbare Inspirationsquelle „Das Argument“: Herzlichen Dank!

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Peter Weiss zum 100. Geburtstag. Editorial

Man könnte meinen, der Erzähler, der zu Beginn des dritten Bandes der „Ästhetik des Widerstands“ von der Flucht der Eltern 1939 aus Prag erfährt, hätte diejenigen vor Augen, die heute in Europa Zuflucht suchen: Sind nicht auch sie „weggefegt von einer jeder Vernunft widersprechenden Gewalt, […] über Nacht zu den Niedrigsten der Niedrigen geworden, jeglicher Ansprüche, jeglicher Würde beraubt“ (III, 14)? Ist die Vergangenheit bruchlos in die Gegenwart eingewandert? Doch den damals vor den Nazis Flüchtenden drohte die Ermordung. Für sie gab es keine Endstation Sehnsucht. Die meisten, die heute ausgebombt, traumatisiert, ausgenommen von Schleppern, den Weg nach Europa finden, kommen mit nicht viel mehr als nichts an, doch dürfen sie auf die Versorgung mit dem Nötigsten hoffen.

Auf die Politik der offenen Grenzen folgten die Grenzschließungen einiger Länder auf eigene Faust. Die deutsche Bundesregierung hält an der europäischen Lösung fest und ist dabei auf eine Solidarität angewiesen, die sie im Umgang mit den in die Krise geratenen Staaten vermissen ließ. Die Angst der Habenden vor den Nichtshabenden und vieler Nichtshabender vor den Garnichtshabenden ist in der Griechenlandkrise kräftig geschürt worden. Sie wirkt, angesichts der auf staatliche Unterstützung angewiesenen Zufluchtsuchenden, wie ein Brandbeschleuniger. Die rechtsextremistische Bewegung „III. Weg“ verschickt Postkarten, auf denen zu lesen ist: „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen! Gutschein für die Ausreise aller Überfremdungsbefürworter Richtung Afrika.“ Zweifellos lieben sie Deutschland – wie diejenigen es liebten, die bereit waren, die einfache Fahrkarte „nach drüben“ zu spendieren, um die „Anderen“ loszuwerden.

Peter Weiss konnte sich die heutige Wirklichkeit nicht vorstellen. Noch schien rettbar, was nach 1989 unterging. Noch schien klar, welches die positiven Kräfte waren. Geboren vor hundert Jahren, mitten im großen Krieg, ein Jahr vor der Oktoberrevolution, die Millionen begeisterte und mit der eine Epoche begann, die das auf dem Umschlag im Ausschnitt abgebildete, vor der Karl-Marx-Universität 1974 in Leipzig aufgestellte Relief als „Aufbruch“ benannte. Es zeigt den Moment, in dem sich „die Massen“ selbst in Bewegung setzen, weil „die Befreiung der Arbeiter nur das Werk der Arbeiter selbst sein kann“ – ein Satz von Marx (MEW 16, 14), aufgegriffen von Lenin (LW 9, 15), von Brecht ins Einheitsfrontlied aufgenommen, von Volker Braun im Anschluss an Peter Weiss[1] in die allgemeinere Form gebracht: „wenn wir uns nicht selbst befreien, bleibt es für uns ohne Folgen“ („Die Übergangsgesellschaft“). Insofern steht die Plastik konträr zur Wirklichkeit des befehls-administrativen Systems, das den lernenden und streitenden als den in die Unmündigkeit sich fügenden Genossen braucht. Weiss‘ Erzählfiguren, Heilmann und seine Freunde, hätten, vor dem Relief stehend, diesen zerreißenden Widerspruch zweifellos kritisch herausgearbeitet.

In der „Ästhetik des Widerstands“ geht es um die Frage, wie Fremdbestimmung durch „Kulturarbeit“ (I, 59) aufzusprengen sei. Befreiung – dieses Wort gewinnt hier eine neue reiche Bedeutung, denn es geht nicht allein um „die Befreiung aus politischer Unterdrückung, sondern ebenso um die Befreiung von den kulturellen Hindernissen […], die ganze Lebenshaltung ist gemeint, alles, worin man verfilzt ist, worin man lebt“[2]. „Kulturarbeit“ heißt dann auch Überwindung der Eingeschlossenheit in die Engstirnigkeit, die Trägheit, das Besserwissen. Daher die Bedeutung von Kunst und Literatur, die, wenn sie lebendig sind, „immer im Streit gegen etwas stehen“[3], keine faule Identität aufkommen lassen, produktive Unruhe verbreiten. Auch „den Werken des sozialistischen Realismus“ (I, 60) können sie etwas abgewinnen, berichten sie doch von dem „gewaltigen Sprung“, der getan worden war „von der Zeit her, in der die Arbeitenden stumm, verschlossen, verdingt, ihren Sold entgegengenommen hatten“ (64). Also auch hier Befreiung, Überwindung der Stummheit, Heraustreten aus der Dinghaftigkeit. Heilmann gibt indes zu bedenken, dass die so entstandenen Bilder zwar „Leistungen, Errungenschaften“ zeigen, jedoch keine „widerspruchsvollen Prozesse“ (65). Wer sich aufmacht auf den Weg der „Kulturarbeit“ ist stets in Gefahr, in die „kulturelle Gegenrevolution“ (66) abzustürzen. Vermeiden kann den Absturz nur, wer sich dieser Gefahr aussetzt. Die Widersprüche werden durchgearbeitet, nicht unterdrückt.

„Die Richtlinien des Sozialismus enthalten für mich die gültige Wahrheit“, schreibt Peter Weiss 1965, nicht ohne vorauszusetzen, dass „Selbstkritik, die dialektische Auseinandersetzung, die ständige Offenheit zur Veränderung und Weiterentwicklung“[4] Bedingungen eines glückenden Sozialismus sind. Was gilt, steht nicht fest. In alles mischt sich der Zweifel. Das Lenin-Jahr 1970 wird ihm zum Anlass, an den noch immer ins Exil verbannten Trotzki zu erinnern, die Unperson, die nicht erinnert werden darf. Und die „Ästhetik des Widerstands“ ist eine kontroverse Debatte in Permanenz, in der jene Richtlinien als je momentane Fixierungen in unabschließbar „widerspruchvollen Prozessen“ kenntlich werden. Es gibt eine Göttin, die die jungen Arbeiter gelten lassen: Mnemosyne, die Erinnerung, die Mutter der Künste (I, 77), die „Ausdauer entstehn ließ, wo eben noch Haltlosigkeit gewesen war“ (82) – die Ausdauer, die man braucht, um eine Niederlage nicht total werden zu lassen.

Die „Ästhetik des Widerstands“ wird – hierin der „Kritik der politischen Ökonomie“ vergleichbar – in der Gegenwart immer neu ankommen, solange der marxsche kategorische Imperativ auf Verhältnisse trifft, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (MEW 1, 385). Als Peter Weiss ein Jahr nach dem Erscheinen des letzten Bandes starb, schrieb Wolfgang Fritz Haug in seinem Nachruf: Es wäre „ablenkend“ zu sagen, „wir wollen etwas ›für das Werk von Peter Weiss‹ tun. Was wir empfinden, ist etwas anderes. Wir sind es, die dieses Werk brauchen. Für uns müssen wir es lesen und verbreiten.“ (Arg.134/1982, 482f)

 

[1] Die Befreiung kann uns nicht gegeben werden, wir müssen sie selbst erobern. Erobern wir sie nicht selbst, so bleibt sie für uns ohne Folgen.“ (I, 226)

[2] Peter Weiss im Gespräch mit Burkhardt Lindner, „Zwischen Pergamon und Plötzensee oder Die andere Darstellung der Verläufe“, in: Die ‚Ästhetik des Widerstands‘ lesen. „Über Peter Weiss,“ hgg. v. K.-H. Götze u. K.R. Scherpe, Argument-Sonderband AS 75, Berlin/W 1981, 151.

[3] Ebd., 153.

[4] „10 Arbeitspunkte eines Autors in der geteilten Welt“ (1965), in: Rapporte 2, Frankfurt/M 1971, 22.

 

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