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Oktober 23, 2016 fritz

Zur Inszenierung des Marat/Sade-Stückes 1965 am Volkstheater Rostock (der ellenlange Originaltitel des Stückes ist darüber zu sehen) fand eine Pressekonferenz mit (von links) Literaturwissenschaftler Manfred Haiduk, dem Dramatiker Peter Weiss und dem damaligen Intendaten Hanns Anselm Perten statt   Foto: Urheberschaft nicht ermittelt, Ansprüche-Inhaber_innen werden gebeten sich zu melden!

Nur noch 19 Tage bis zur Stafettenlesung

Die Genese der „Berliner Ausgabe“ in der DDR

Kommende Woche erscheint die Neuauflage der „Ästhetik des Widerstands“ bei Suhrkamp. Die neue Ausgabe des Romans kann als Synthese der beiden früheren Ausgaben in West- und Ostdeutschland, der Suhrkamp-Ausgabe von 1975 und der Henschel-Ausgabe von 1983, betrachtet werden. Mit der Überarbeitung war unser Unterstützer Jürgen Schutte, emeritierter Literaturprofessor, betraut.

Ein weiterer intimer Kenner Peter Weiss‘ und seines Werkes ist Manfred Haiduk: Er war mit Peter Weiss befreundet und hat zu ihm und seinem Schaffen zu DDR-Zeiten geforscht, und zwar an der Wilhelm-Pieck-Universität Rostock. Er kann bis heute als einer der Weiss-Experten im Lande gelten.

Auch Haiduk unterstützt die Stafettenlesung und hat schon seinen Abschnitt aus der „Ästhetik“ auf Video für uns eingelesen. Und er hat in der, schon öfter auf diesem Blog zitierten, 316ten Ausgabe von Das Argument einen Beitrag zum Peter-Weiss-Schwerpunkt veröffentlicht und zwar zur Entstehung der – ja doch um acht Jahre verzögerten – DDR-Ausgabe des Buches. Ein spannendes Stück Zeitgeschichte, das wir hier mit freundlichen Genehmigung der Argument-Redaktion gerne noch einmal präsentieren.

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Vom schwierigen Umgang mit dem Abbild der eigenen Geschichte

Zur Entstehung der Berliner Ausgabe der „Ästhetik des Widerstands“

Von Manfred Haiduk

Mitte 1983 erschien im Henschelverlag die dreibändige DDR-Ausgabe der „Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss. Diese Edition hatte ihre widersprüchliche Geschichte. 1972 hatte Weiss mit ersten konzeptionellen Notizen begonnen. In den folgenden Jahren recherchiert er für den Roman, reist zum Beispiel im März 1974 nach Spanien, um den Teil über den Spanischen Freiheitskampf vorzubereiten, oder nach Berlin, um Gespräche mit Genossen zu führen, die in der schwedischen Emigration gelebt und gegen den Faschismus gekämpft haben, so u.a. mit Karl Mewis, Charlotte Bischoff, Paul Verner. Am 9. Juli 1972 beginnt Weiss mit dem Schreiben, 1975 erscheint der erste Teil des Romans im Suhrkamp Verlag.
Auf einer Vortragsreise nach Finnland und Schweden in der ersten Märzhälfte 1974 hatte ich die Gelegenheit genutzt, Peter zu besuchen. Peter wollte meine Meinung zum Manuskript wissen. Wegen der kurzen Zeit, die mir zur Verfügung stand, konnte ich es nur flüchtig lesen. Immerhin teilte ich nach der Reise dem Henschelverlag schon am 28. März mit, „welche Bedeutung der Roman für das Gesamtschaffen und damit auch für die Weiterführung meiner Peter-Weiss-Monographie haben wird“.
Im August 1974 hatte mich Weiss zu einer Arbeitswoche eingeladen. Wir wollten über das vorliegende Manuskript des ersten Teils des Romans und die Fortführung meiner Weiss-Monographie sprechen. Inzwischen hatte Peter das Manuskript, etwa 300 Seiten, fast abgeschlossen. Neu waren für mich solch brisante Teile wie die Reflexion der Moskauer Prozesse. 1964 hatte ich mich dafür eingesetzt, dass das umstrittene Schauspiel über Marat und de Sade in Rostock aufgeführt wird, und jetzt wollte ich mich dafür einsetzen, dass die „Ästhetik des Widerstands“ auch in der DDR herauskommen wird. Den Rostocker Generalintendanten Hanns Anselm Perten hatte ich über meine Leseeindrücke informiert und ihm meine Befürchtungen mitgeteilt, dass es mit Sicherheit Probleme geben werde, den Roman bei uns herauszubringen, da Peters Darstellung der Geschichte der Arbeiterbewegung sich erheblich von unserer offiziellen Geschichtsschreibung unterschied. Perten kannte die persönliche Mitarbeiterin Kurt Hagers und vermittelte ein Gespräch mit ihr, das wohl schon in der zweiten Septemberhälfte stattfand.
Dr. Erika Hinckel war auch Germanistin. Sie hatte über Becher promoviert, ich kannte aus meiner Arbeit beim DDR-Fernsehen ihren Lebenspartner, mit dem ich mich seit der ersten Begegnung ausgezeichnet verstanden hatte. So war auch die offene Atmosphäre, in der das Gespräch mit Erika Hinckel verlief, keineswegs ungewöhnlich. Erika Hinckel sah übrigens weniger Publikationsschwierigkeiten wegen der Darstellung der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung als wegen der Behandlung der Moskauer Prozesse. Sie erzählte vom wenige Tage zurücklie- genden Besuch von Brechts Tochter bei Honecker, die erreicht habe, dass Brechts Arbeitsjournal in der DDR erscheinen wird. Mit Rücksicht auf die Sowjets war das bisher verhindert worden. Nach diesem Gespräch war für mich klar, dass die Entscheidung, ob die „Ästhetik“ bei uns publiziert würde, nicht einmal bei Hager fallen könnte. Wie weit dabei Moskau involviert war, zeigte sich mir erneut Jahre später, als der damalige Berliner Bezirkssekretär der SED, Konrad Naumann, das Rostocker Theater besuchte und gegenüber Perten äußerte, dass er in den nächsten Tagen nach Moskau fahren würde. Bei dieser Gelegenheit wolle er mit den sowjetischen Genossen über die Veröffentlichung der „Ästhetik des Widerstands“ sprechen, nachdem es schon ähnliche Vorstöße gegeben habe. Es war die Zeit, in der die DDR-Führung eine größere Selbständigkeit gegenüber der Sowjetunion „probte“ und Einmischung in die Kulturpolitik nicht mehr unwidersprochen hinnahm.
Am 5. November 1974 hatte mir Peter geschrieben, dass ihn unsere Gespräche sehr inspiriert hätten und er sich „doch zuerst an eine Überarbeitung gewisser Abschnitte des ersten Teils gemacht“ hätte. Er habe versucht, „das etwas trockne, referierende wegzunehmen und durch stärkere Konkretion, durch Erlebnishaftes zu ersetzen“ (B, 54). Er glaube, der Text habe dadurch schon sehr gewonnen. Peter wiederholte in seinem Brief noch einmal seinen Wunsch, „das Buch könnte etwa gleichzeitig in der DDR und der BRD erscheinen […] bei allen Schwierigkeiten, die der Gesamtstoff ja mit sich bringt“ (ebd.). Ich hatte schon früher Peter gegenüber erklärt, dass das allein aus druck- und verlagstechnischen Gründen nicht möglich wäre.
Am 19. Oktober 1975, kurz nach dem Erscheinen des ersten Bandes im Suhr- kamp Verlag, schrieb mir Peter: „Ich bin sehr gespannt, welches Echo es in der DDR geben wird“ (B, 62). Und er spricht von der ersten Reaktion Hermann Kants, die positiv gewesen sei. Das Buch habe er an die Genossen Hager, Tisch und Konrad Wolf geschickt. Es gab kein offizielles Echo, also auch keine Besprechungen in der Presse. Stattdessen bekam Peter vom Aufbau-Verlag die lakonische Mitteilung, man werde sich erst nach dem Vorliegen des zweiten Bandes eine endgültige Meinung bilden. Das war zwar bei mehrbändigen Ausgaben nicht ungewöhnlich, aber natürlich für Peter schockierend.
Das Verhältnis zwischen der DDR und Peter Weiss oder zwischen Peter und der DDR war mal wieder in die Krise geraten. Als ich ihm am 25. August 1976 das Manuskript des „Ästhetik des Widerstands“-Kapitels meiner Weiss-Monographie schickte, schrieb er: „Da dies ja das erste schriftliche Zeugnis von diesem Buch in der DDR ist – nach einem Jahr dessen Daseins – ist es für mich doppelt wertvoll. Wie Du weißt, bin ich […] immer mehr über dieses Schweigen bestürzt. […] ich muss wohl davon ausgehen, dass es gezielt und bewusst ist. Es ist dies, nach der sonstigen starken Aufnahme, die mir international entgegengekommen ist, vor allem auch von Seiten unserer Partei [der Schwedischen Linkspartei-Kommunisten], um so schwerwiegender und verurteilt mich zu einer völligen Unproduktivität dem Land gegenüber, für das ich sonst immer eingetreten bin.“ (B, 70; z. B. als es um die Anerkennung der DDR ging) Zugleich hofft er auf ein erneutes „langes Arbeitsgespräch“ zum zweiten Band, das dann auch vom 4. bis 9. April 1977 stattfand, nachdem wir bereits bei einem Treffen in Berlin das damals vorliegende Manuskript diskutiert hatten.
Wie gesagt: Das Buch war international ein großer Erfolg. Die schwedische Zeitung „Ny Dag“ bezeichnete es als eines der „politisch und künstlerisch bedeutendsten Bücher“ unserer Zeit. Große Resonanz fand das Buch bei den Linken in der Bundesrepublik. Dort gab es eine große Anzahl Lesegemeinschaften von Intellektuellen und Arbeitern, die das Buch in Zirkeln lasen. Wolfgang Fritz Haug prägte das Wort „Jahrhundertbuch“.
In der DDR war das Buch unter interessierten Intellektuellen bekannt. Und es gab durchaus eine Resonanz, allerdings fern jeder Öffentlichkeit. So hatte zum Beispiel Norbert Krenzlin im Referateorgan der Akademie der Wissenschaften das Buch sehr positiv rezensiert, allerdings unter dem Stichwort „Ästhetik“ und nicht unter „Romane“. Ob es sich hier um eine List handelte, weiß ich nicht. Als ich Erika Hinckel ein zweites Mal aufsuchte, gab sie mir die Kopie einer Analyse, die Hermann Kähler für das ZK der SED angefertigt hatte. Kähler, der damals für die Redaktion der Einheit arbeitete, empfahl die Veröffentlichung. So spricht er sich aus Gründen der „Publikationspolitik“ für eine Veröffentlichung aus. Das Buch „wird Fragen aufrütteln, auf die unsere Geschichtsschreibung bislang kaum oder nicht geantwortet hat. Ein weiteres Negieren des Buches bedeutet, nicht nur unsere Bündnisbeziehungen zu Peter Weiss ernsthaft zu problematisieren, sondern auch gerade diese Seite des Buches immer schwerwiegender werden zu lassen. Das Buch gerät aus einer subjek- tiven in die Rolle einer subversiven Fragestellung. Ein weiteres Negieren würde diese beunruhigende Funktion nicht abbauen, sondern verstärken.“ Bemerkenswert an dem Vorgang ist, dass mir Erika Hinckel dieses Material zuspielte, wurden solche Texte üblicherweise doch vertraulich behandelt. Ich war auf diese Weise informiert, dass es Stimmen im Bereich des Zentralkomitees gab, die für eine Veröffentlichung eintraten. Ich informierte Peter über solche Aktivitäten, was für ihn allerdings nur ein schwacher Trost war.
Für die Zeit vom 4. bis 12. September 1980 hatte mich Peter wieder zu einer „Arbeitswoche“ eingeladen. Das Manuskript des dritten Bandes lag vor. Ich fand es gut, sogar besser als die ersten beiden Teile, und wir hatten eine produktive Woche. Peter ging es wohl damals vor allem um Zuspruch; denn er war offensichtlich vom Lektorat des Suhrkamp-Verlages verunsichert worden, er glaubte nicht mehr an die Kraft seiner Sprache. Die Lektorin hatte im dritten Band, stärker als in den ersten beiden Bänden, eigenmächtig sprachliche Korrekturen vorgenommen, so dass Peter bei öffentlichen Lesungen stutzte, weil er seine „eigene Sprache“ nicht wieder erkannte (BU, 531). Wir kamen schon damals überein, dass im Fall einer Veröffentlichung in der DDR die schlimmsten Eingriffe in Peters Sprache rückgängig gemacht werden sollten. An wenigen Beispielen semantischer Bezüge soll zumindest der Widersinn der Korrekturen durch das Suhrkamp-Lektorat angedeutet werden: Aus „Geborgenheit“ wird „Sicherheit“. Spätestens seit dem Frühwerk von Weiss, „Die Versicherung“, ist klar, dass bei Weiss der Begriff Sicherheit immer den Gegensatz Unsicherheit impliziert, von dem stark emotionalen Gehalt des Wortes „Geborgenheit“ ganz zu schweigen. Aus „Entsagung“ wird „Verzicht“, aus „sich als Hure“ wird „sich käuflich“, aus „ihre Grenzen zu durchstoßen“ wird „über ihre Grenzen hinwegzugehn“, aus „Doch er schwieg. Fest verschlossen sein Mund.“ wird „Doch er schwieg mit verschlossenem Mund.“ An solchen und vielen anderen Beispielen wird die sprachliche „Entmachtung“ deutlich, von der Weiss im Brief an Unseld geschrieben hat. Der dynamische, „widerborstige“, plastische und bildhafte Personalstil wird an vielen Stellen geglättet und konventionell, aus Prozesshaftem wird Statik.
Am 20.12.1980 schrieb ich an Peter, dass die Entscheidung, den Roman in der DDR zu veröffentlichen, angesichts der erneuten Zuspitzung der internationalen Lage, keine literarische, sondern allein eine politische sein werde (B, 103). Ich sah trotzdem eine günstige Entwicklung. Ein Blick in Honeckers Biographie „Aus meinem Leben“ hatte gezeigt, dass Honecker die umstrittenen Persönlichkeiten ohne jede denunziatorische Attitüde erwähnt hatte, wie z. B. Bucharin und Wehner, eher sogar mit kaum verhohlenem Stolz, sie gekannt zu haben. Nebenbei bemerkt: Der Name Trotzki tauchte gar nicht auf.
In Interviews der Jahre 1979/81 äußert sich Peter optimistisch, was die mögliche Edition der „Ästhetik des Widerstands“ in der DDR betrifft (vgl. Gerlach/Richter 1986, 246, 287). Privat sah er die Situation nicht ganz so positiv. Am 5.6.1981 vereinbarte der Henschelverlag mit mir, dass ich die „Ästhetik des Widerstands“ herausgeben sollte, mit einem Nachwort. Noch nie hatte der Henschelverlag einen Roman veröffentlicht. Deshalb war ja auch ursprünglich der Aufbau-Verlag ins Auge gefasst worden. Da aber Henschel bisher schon die Stücke von Weiss, seine Übersetzungen und eine Anzahl seiner Aufsätze herausgebracht hatte, auch einen Band des bildnerischen Schaffens von Weiss vorbereitete, lag es nahe, die Trilogie hier zu veröffentlichen. Es war wohl auch ein bisschen Wiedergutmachung am Autor des Hauses, nachdem 1969 die erste Auflage meiner Weiss-Monographie kurz vor der Auslieferung wegen des Trotzki-Stückes zunächst nicht erscheinen durfte (vgl. B, 251). Ich weiß nicht mehr, wann ich erfuhr, dass der Henschelverlag ›grünes Licht‹ erhalten hatte. Über Peters Reaktion auf die Mitteilung, die „Ästhetik des Widerstands“ werde bei Henschel erscheinen, habe ich im Gespräch mit Martin Rector und Rainer Koch berichtet. „Als es dann tatsächlich so weit war, rief mich der Cheflektor des Henschelverlages an und bat mich, Peter noch nicht zu informieren, da er sich die Überbringung der Nachricht verständlicherweise selbst vorbehalten wollte. Wenige Minuten später klingelte das Telefon wieder und Peter teilte mir mit, was ich nun auch schon wusste. Am nächsten oder übernächsten Tag rief er noch einmal an und erzählte, er säße mit Freunden zusammen, und sie feierten, dass die Ästhetik bei uns herauskommen werde, und man merkte, seine Freude war unermesslich“ (vgl. Peter Weiss Jahrbuch 3, 57).
Von Peters Freude berichtete auch Wolfgang Fritz Haug in seinem Nachruf: „Er war enorm froh, dass die ÄdW nun doch in der DDR erscheinen wird, wenn auch nur in der viel zu kleinen Auflage von 5 000. Die Auflage ist so klein im Verhältnis zur Nachfrage in der DDR, dass sie kaum in die Buchhandlungen gelangen wird. Aber Peter Weiss rechnete auch so: drei Bände in je fünftausend Exemplaren, das sind fünfzehntausend Bücher, angesichts der Papierknappheit doch eine ganze Menge. Und er hatte praktisch der DDR die zitierbare Ausgabe letzter Hand zugeschanzt, denn für die DDR-Ausgabe habe er viele vom Suhrkamp Verlag vorgenommene Änderungen wieder rückgängig gemacht, die Originalfassung wiederhergestellt.“ (1982, 486)
Schon im Mai hatte es im Henschelverlag ein Gespräch gegeben, an dem neben Peter Weiss der Verlagsleiter Kuno Middelstädt, der Cheflektor Horst Wandrey, der sich um die Publikation verdient gemacht hatte, und ich teilnahmen. Festgelegt wurde die partielle Wiederherstellung des Urtextes, Fragen der Aufmachung und ein von beiden Seiten gewünschtes Nachwort, das vom Suhrkamp Verlag genehmigt werden musste. Ich hatte also gleich zwei Zensoren, von denen ich allerdings nichts merkte.
An diesem und am nächsten Tag begannen Peter und ich mit der Textrevision. Peter hatte ein Exemplar des dritten Bandes mitgebracht, in den ich seine ersten Korrekturvorschläge eintrug. Am Vortag hatte sich Peter Konrad Wolfs Film „Das Jahr 1935“ angesehen. Konrad Wolf und ich warteten vor der Akademie der Künste der DDR auf Peter, der Konrad, seinem Freund, am Vortag seine „Notizbücher 1971–1980“ mitgebracht hatte, die u.a. auch die Entstehungsgeschichte der „Ästhetik des Widerstands“ enthalten. Wolf stand immer noch unter dem Eindruck dieser Notizbücher, die er in der Nacht „durchtelegraphiert“ hatte. Am Morgen, als er in die Akademie kam, sagte er zu seinen Mitarbeitern, die „Notizbücher“ in der Hand, hier könne man lesen, wie man mit einem Verbündeten, einem Freund, nicht umgehen dürfe. Als wir also auf Peter warteten, meinte Konrad Wolf zu mir: „Wollen wir jetzt, nach der ‚Ästhetik des Widerstands‘, nicht auch gleich die ‚Notizbücher‘ herausbringen?“ Nur eine rhetorische Frage?
Zu diesem Zeitpunkt war noch offen, ob der Suhrkamp Verlag, genauer gesagt, sein Leiter Siegfried Unseld, Peters Wunsch zustimmen würde, einen Teil der durch das Suhrkamp-Lektorat vorgenommenen Textänderungen für die Henschel-Ausgabe rückgängig zu machen. Am 4. Juni 1981 rief mich Peter ohne besonderen Anlass an. In dem umfangreichen Gespräch erwähnte er, dass die Verhandlungen mit Unseld leichter sein dürften, da der Verlag über den Erfolg der Bücher erfreut sei.
Von diesem Zeitpunkt an lief die Vorbereitung der ›Henschelausgabe‹, also der ›Ausgabe letzter Hand‹, der Berliner Ausgabe. Vorwiegend brieflich, aber auch tele- fonisch erfolgte die Abstimmung der Textkorrekturen, wobei ›Korrektur‹ heißt: der Rückgriff auf das Ur-Manuskript, von dem ich eine Kopie erhalten hatte. Aber es gab ein Problem, ein rein technisches Problem, das aus Peters Brief vom 11. Juni 1981 erhellt: „Ich habe ein Ex. mit den wichtigsten Korrekturen an den Suhrkamp Verlag geschickt. Korrekturen also, die man einfügen kann, ohne dass sonst neu gesetzt zu werden braucht. Einige wichtige Sätze jedoch, die in Deinem Ex. enthalten sind, können in einer korrigierten Neuauflage nicht dabei sein, weil sonst ein neuer Umbruch gemacht werden müsste. Diese Änderungen sollten dann allerdings in der Henschel-Ausgabe enthalten sein.“ (B, 112)
Im September erhielt ich von Peter ein „Korrigiertes Ex. zum Neusetzen P Weiss 1 Sept 81“. Er hatte mir darüber hinaus freie Hand gelassen, auf den Urtext zurück- zugreifen, wo es mir sinnvoll erschien. So habe ich z. B. in dem Abschnitt „Heilmann an Unbekannt“ Peters zahlreichen Korrekturen weitere hinzugefügt.1 Mitte April 1982 lagen mehrere Entwürfe für Bucheinband und Schutzumschlag vor, aus denen Peter dann auswählte. Bis Jahresende waren die Einrichtung der drei Bände und die Korrekturen abgeschlossen. Im Juni oder Juli 1983 war die „Ästhetik des Widerstands“ in der DDR erschienen, nach vielem – letztlich kaum fassbarem Widerstand. Peter hatte es nicht mehr erlebt. Am 10. Mai 1982 war er in einem Stockholmer Kranken- haus gestorben.
1997 hat Egon Krenz im „Neuen Deutschland“ u.a. gesagt: „Anfang der achtziger Jahre wollte ein früherer Weggefährte Wehners die Herausgabe des Romans von Peter Weiss ‚Die Ästhetik des Widerstands‘ in der DDR verhindern. Weiss hatte dort anders, als uns aus der SED-Geschichte bekannt war, über die Rolle Wehners in Schweden geschrieben. Honecker beauftragte mich, dafür zu sorgen, dass niemand in der DD R auf die Idee kommt, die Herausgabe des Romans zu verhindern.“ (S. auch Internet-Archiv der „Berliner Zeitung“)
Dieser frühere Weggefährte war Karl Mewis. Mir war Mewis aus seiner Zeit als Erster Sekretär der SED-Bezirksleitung Rostock bekannt, nicht persönlich, aber aus verschiedenen Veranstaltungen, auf denen er den Wissenschaftlern der Universität ›die Leviten las‹. Sein herrisches Auftreten hatte ihm an der Uni nicht viele Freunde gebracht. Mewis war aber auch der Mann, dem die Stadt Rostock zu einem Teil den Aufschwung nach dem Kriege zu verdanken hat, da er sehr unkonventionell und ohne Rücksicht auf in Berlin gefasste Beschlüsse wichtige Projekte der Infrastruktur realisierte, u.a. die Stadt-Autobahn nach Warnemünde.
In der letzten Oktoberwoche 1982 klingelte das Telefon, und es meldete sich aus Berlin: Karl Mewis. Er hätte mich gern mal gesprochen; wann es mir passte; es ginge um die „Ästhetik des Widerstands“. Wenige Tage später suchte er mich dann mit seiner sympathischen jungen Frau auf. Es war genau zu der Zeit, als in meinem Termin- kalender ständig die Eintragung „Korrekturen ÄdW“ auftauchte. Mewis erzählte, dass ihm Genossen empfohlen hätten, mit mir zu sprechen. Ich kannte Mewis’ Erinnerungen, „Im Auftrag der Partei“, Berlin 1971, zumindest den Teil über die Jahre in Schweden. Nachdem ich im Manuskript der ‚Ästhetik‘ die Wehner-Passagen gelesen hatte, die sich ja entscheidend von denen bei Mewis unterschieden, unterhielt ich mich mit Peter. Er berichtete von seinen Quellenstudien in den Archiven und vor allem von den Prozessprotokollen im schwedischen Reichsarchiv.
Nun saß also Mewis in unserer Wohnung und erzählte nach längerem Hin und Her, dass er von Honecker Schwierigkeiten befürchte. Ein Genosse, der von der Romangestalt Mewis ins faschistische Deutschland geschickt worden war, dort verhaftet und hingerichtet wird, war ein Jugendfreund Honeckers. Ob es für Mewis nicht viel schwerwiegender war, dass die „Ästhetik“ nicht seine Legende vom Verräter Wehner bediente, vermag ich nicht zu beurteilen. Für den politisch Interessierten gab es zu dieser Zeit genügend Indizien, die dafür sprachen, dass sich das offizielle Wehner-Bild zu wandeln begann. Das Politbüro hatte schon am 16. Januar 1974 einen Beschluss gefasst, durch den verhindert werden sollte, dass noch andere ehemalige Mitkämpfer Wehners in von ihnen geplanten Memoiren den ›Parteiverrats‹-Vorwurf erheben.
Zurück zu Mewis: Er hoffte, mich dafür gewinnen zu können, die „Ästhetik des Widerstands“ nicht herauszubringen. Der Gedanke war so absurd, dass ich nicht begreife, dass ein intelligenter Mensch solch ein Anliegen haben konnte. Außerdem musste ihm klar sein, dass ich nur der Herausgeber war, der aber selbst nicht entscheiden kann, ob ein Buch herauskommt oder nicht. Außerdem musste ihm zuwider sein, dass ein Buch verboten wird, war er doch selbst ein „gebranntes Kind“, da er in seinen „Erinnerungen“ Kürzungen aus politischen Gründen vornehmen musste. Und der zweite Band, der die DDR-Zeit betraf, konnte nicht erscheinen. Natürlich konnte ich Mewis in anderer Hinsicht verstehen. Der durchschnittliche Leser musste in der Romangestalt Mewis den historischen Mewis sehen, zumal die entsprechenden Romanpassagen ja tatsächliche Geschichte vermittelten, die durch Quellen belegt war. Jahre später stieß ich auf einen Brief von Mewis an Weiss. Mewis hatte geschrieben: „nenne meinen Namen wann und wo Du willst, nur mach mich nicht besser, als ich war.“ Ironie des Schicksals?
Das Gespräch zeigte, dass es ein Geflecht von Interessen gab, das Erscheinen des Romans zu verhindern: Da waren anfangs die Interessen des ›großen Bruders‹, der sich vielfach in die Kulturpolitik der DDR eingemischt hatte. Da gab es, vermutlich, die Interessen von Historikern in parteieigenen Instituten, die an ihrer Darstellung der Geschichte der Arbeiterbewegung festhielten, wie heute erneut eine offiziöse bis offizielle Geschichtsschreibung der BRD die Geschichte der DDR in Form von Halbwahrheiten schreibt. Und so gab es die Interessen jener, die wegen ihrer eigenen Vergangenheit den Roman nicht wollten. Das Ganze bekam noch einen grotesken Höhepunkt. Ein Berliner Weiss-Forscher hatte mir eine Kopie von Peters Akte beim MfS zugespielt. Und hier findet sich eine Anweisung Mielkes, das Erscheinen der „Ästhetik des Widerstands“ sei zu verhindern. Zu diesem Zeitpunkt aber war der Roman längst in der DDR erschienen.
Aber auch das Erscheinen warf Fragen auf. Die bevorstehende Veröffentlichung wurde nicht, wie es sonst üblich war, im Börsenblatt des Buchhandels angekündigt. Die Bände wurden nur an Bezirksbuchhandlungen und an die mit dem Henschelverlag besonders eng verbundenen Buchhandlungen „Buch und Kunst“ ausgeliefert. Für die Kolleginnen und Kollegen an der Universität nahm ich den ›Vertrieb‹ selbst vor. Über den Verlag vermittelte ich das Buch zum Beispiel für die Kolleginnen und Kollegen der Akademie der Wissenschaften. Alles lief offiziell und hatte doch fast den Anschein des Konspirativen. Vom Verlag war mir seinerzeit gesagt worden, dass es keine zweite Auflage geben würde. Zu meiner Überraschung erschien 1987 doch eine zweite Auflage.
Vielleicht muss man es noch erwähnen: Es hat zwischen Peter und mir während der gesamten Zusammenarbeit nie den Gedanken einer gereinigten DDR-Fassung gegeben. Entweder keine DDR-Ausgabe oder eine authentische! Aber gerade das unterstellten BRD-Medien: Über Jahre hin wurde der Eindruck erweckt, nicht nur von der einschlägigen Presse, sondern selbst von ›gestandenen‹ Wissenschaftlern, Weiss habe für die DDR-Ausgabe den Text verändert, umgeschrieben. Die DDR-Ausgabe sei eine ›gereinigte‹ Ausgabe. Und es war ein junger BRD-Wissenschaftler, der akribisch beide Ausgaben verglich und diese Behauptung ad absurdum führte.2
Erst Jahre später stieß ich auf die Kopie eines Briefes von Peter Weiss an Frau Ritzerfeld vom Suhrkamp Verlag. Daraus ergibt sich folgendes: PW bestätigt, dass der Aufbau-Verlag eine Option auf die DDR-Ausgabe der „Ästhetik des Widerstands“ habe, danach käme Henschel infrage. Unklar sei jedoch, „ob dieses kontroversielle Buch in der DDR überhaupt herauskommen kann. Wir besprachen zusammen mit Frau Borchers, die Frage, ob wir eventuell für die DDR zu Kürzungen bereit seien. Im Prinzip hätte ich nichts dagegen, doch müsste dies auch mit Herrn Dr. Unseld besprochen werden. Ganz sicher bin ich nicht, es ist ein Problem, das sein Für und Wider hat.“ (BU, 443a) Ich weiß nicht, ob Peter diesen Plan weiterver- folgte. Allein der Hinweis auf Siegfried Unseld zeigt schon seine Unsicherheit. Und es ist wohl kaum anzunehmen, dass Unseld dem zugestimmt hätte. In diesem Fall berechtigterweise! Selbst, als es Jahre später um die Henschel-Ausgabe ging, deren Varianten einen Teil der fragwürdigen Veränderungen des Urtextes durch das Suhrkamp-Lektorat rückgängig machten, merkte man bei dem oben erwähnten Gespräch im Henschelverlag, wie unsicher Peter und die Verlagsleitung waren, ob es Schwierigkeiten von Seiten des Suhrkamp Verlages geben würde. Ein Blick in die Korrespondenz zwischen Siegfried Unseld und Peter Weiss zeigt, wie verständlich Peters Unsicherheit war. Erstmals Mitte der 60er Jahre und dann in den 70ern wird der Ton in den Briefen beider Seiten zunehmend gereizter. Peter wirft Unseld vor, dass der Verlag und speziell der Theaterverlag sich nicht mehr für ihn und sein Werk engagierten. Am 18.8.77 an Unseld: „sag es mir ehrlich – ist die Stille um meine Arbeiten auch hier schon politischen Gründen zuzuschreiben? Es geschieht ja auch nichts […] mit der ‚Ästhetik‘ – in den Buchhandlungen liegt der Roman nicht aus, er wird nicht verkauft, es wird nicht für das Buch geworben.“ (BU, 455)
Unseld seinerseits suggeriert, dass Peter die deutsche Sprache nicht mehr beherrsche und dass er der Lektorin voll vertrauen müsse. Und das, obgleich auch Martin Walser geraten hatte, den Text so zu drucken, wie er vorlag. Peter Weiss schrieb, dass der lektorierte Text vielleicht gut lesbar wäre, aber „literarhistorisch […] von einer Entmachtung meinerseits zeugen“ werde. „Das eigentümliche Missverhältnis zwischen Manuskript und Buch aber hält mich weiterhin in einer Unruhe.“ (BU, 521) Am 7.9.1981, zu einem Zeitpunkt also, als die editorischen Arbeiten an der Henschel-Ausgabe längst liefen, wendet sich Unseld gegen zwei Fassungen. Als Gründe für seinen Standpunkt nennt er den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit der Mittel: die Ausgabe wäre nicht mehr zu zitieren – und schließlich Geld, obgleich Peter anbietet, die entstehenden Mehrkosten zu übernehmen. Er sei enttäuscht, dass Peter nun der DDR eine andere Textgrundlage gestatte. Und er droht gewissermaßen, wenn er schreibt: „Ich bitte Dich dringlich, zu niemandem von jenen Korrekturen zu sprechen.“ (BU, 524)
Peters Wunsch, dass der Suhrkamp Verlag bei Neuauflagen den Text der DDR-Ausgabe übernimmt, blieb zu seinen Lebzeiten unerfüllt. In diesem Jahr wird Jürgen Schutte für den Suhrkamp Verlag die Berliner „Ausgabe letzter Hand“ in einem Band, fortlaufend paginiert, herausgeben.

Literatur

Dwars, Jens-F., Dieter Strützel und Matias Mieth (Hg.), Widerstand wahrnehmen. Dokumente eines Dialogs mit Peter Weiss, Köln 1993

Garbers, Jürgen, u.a. (Hg.), Ästhetik Revolte Widerstand. Zum literarischen Werk von Peter
Weiss, Jena-Lüneburg 1990

Gerlach, Rainer, u. Matthias Richter (Hg.), Peter Weiss im Gespräch, Frankfurt/M 1986

Gerlach, Rainer (Hg.), Siegfried Unseld – Peter Weiss. Der Briefwechsel, Frankfurt/M 2007 (zit. BU)

Gerlach, Rainer, u. Jürgen Schutte (Hg.), Diesseits und jenseits der Grenze. Peter Weiss – Manfred Haiduk. Der Briefwechsel 1965–1982, mit einem Geleitwort von Gunilla Palmstierna-Weiss, St. Ingbert 2010 (zit. B, Briefnummer)

Goebel, Hannes, Peter Weiss: Die „Ästhetik des Widerstands“ – Untersuchung ausgewählter inhaltlicher und romanästhetischer Aspekte, Marburg, Jan. 1984, 157-70 (Ms.).

Haiduk, Manfred, Der Dramatiker Peter Weiss, Berlin 1969 (Kommentar zur Entstehung des
Manuskripts und zur Geschichte des Buchverbots), in: B, 251-60

ders., „Der Dritte Band. Kompilation zur Editionsgeschichte des dritten Bandes der ‚Ästhetik des Widerstands'“, in: Ästhetik Revolte Widerstand, 294-310

Haug, Wolfgang Fritz, „Zum Tode von Peter Weiss“, in: Das Argument 134, H.3, 1982, 482-6

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