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August 14, 2016 fritz

Noch 89 Tage bis zur Stafettenlesung

PW1001Nacht

„Tausend und eine Nacht“: Collage aus einem Werkzyklus von Peter Weiss aus den 1950er Jahren – entdeckt als Frontispiz des Hörspielprogramms des Bayerischen Rundfunks Bild: Mikael Sylwan

Ästhetik hören

Peter Weiss, der Maler, im Radio

Leserinnen und Leser des stets liebevoll gemachten Hörspiel-Halbjahresprogramms des Bayerischen Rundfunks werden vielleicht gestutzt haben, als sie auf Seite 5 ein farbiges Bild sahen, das in der Bildunterschrift Peter Weiss‘ Collage-Serie „Tausend und eine Nacht“ (aus dem Jahr 1957) zugeordnet wird. Gestutzt, weil sonst keine weiteren Hinweise auf Peter Weiss auf dieser Seite zu finden sind und der Maler und Autor auch im Personenregister am Ende des Heftchens nicht aufgeführt ist. Erst, wer das Heft durchblättert, stößt auf Seite 41 auf ein Bild des Schauspielers Robert Stadlober, mit dessen Gesicht für die großartige 12-teilige Hörspiel-Bearbeitung der „Ästhetik des Widerstands“ geworben wird, an der großartige Stimmen unter der Regie von Karl Bruckmaier beteiligt waren, neben Stadlober zum Beispiel Rüdiger Vogler, Susanne-Marie Warge und Hanns Zischler. Die mit dem Deutschen Hörspielpreis 2008 ausgezeichnete Ko-Produktion von Bayerischem und des Westdeutschem Rundfunk kann mit ihren 630 Minuten übrigens problemlos im Hörspiel-Pool heruntergeladen werden.
Aber wer da noch nicht erfreut weggeklickt hat auf den Hörspielpool und weiterblättert, stößt ein weiteres Mal auf Weiss, wieder zusammen mit dem großen Hörspielregisseur Karl Bruckmaier. Da wird auf Seite 51 ein aktuelles Hörspiel für Peter Weiss mit dem Titel „Jedenfalls Krähen“ annonciert. Die Ursendung des Beitrages ist für den 4. November, also vier Tage vor Peter Weiss‘ 100. Geburtstag angekündigt. Im Programmheft wird das Stück wie folgt beschrieben: „Dreißig Jahre und länger sucht Peter Weiss sein Auskommen, sein Einkommen, sein Fortkommen als Malender. Als Jugendlicher entstehen die ersten Bilder und noch der erfolgreiche Theaterautor wird letzte Collagen anfertigen. Ein halbes Künstlerleben verstreicht hier ohne Anerkennung durch Dritte, ohne Publikum und auch ohne kritischen Zuspruch. Aber auch: ohne eigene Bildsprache. In den fünfziger Jahren unternimmt Weiss einen Zwischenschritt als Filmemacher, doch die Unvereinbarkeit von künstlerischer Intention und der Realität des Filmgeschäfts lässt ein Scheitern früh ahnen. Erst das Schreiben, bei Peter Weiss auch ein Malen nach Vokalen, bringt die ersehnte und verdiente Anerkennung, ermöglicht das selbstbestimmte Leben als originärer Künstler. Seine frühen, oft autobiographisch durchwirkten Erzählungen, seine triumphal aufgenommenen Theaterarbeiten, sein in deutscher Sprache monolithisch aufragender Roman von der Ästhetik des Widerstands – im fortgeschrittenen Mannesalter findet Weiss künstlerisch wie materiell, worum er zuvor ein halbes Leben lang gerungen hat: seine eigene Stimme, seinen Platz in der Kunst. In Jedenfalls Krähen unternimmt Karl Bruckmaier den Versuch, noch einmal einen akustischen Blick zu werfen auf diese dreißig Jahre der Malerei. In einem ersten Schritt fertigte der Autor und Hörspielregisseur, der bereits Weiss‘ Ästhetik des Widerstands sowie Abschied von den Eltern für das Hörspiel bearbeitete, Bildbeschreibungen von einhundert Gemälden, Fotografien und Film-Stills an, die in einem zweiten Schritt und nach dramaturgischer Rückversicherung reduziert wurden auf assoziative Zeilen, auf Einwürfe und auf Abschweifungen, die in parallele Wirklichkeiten weisen. Diese Schlaglichter auf die Bilder eines Peter Weiss wurden dann quasi in Werkgruppen geordnet und – in einem dritten Schritt – den improvisatorischen Fähigkeiten des Schauspielers Sebastian Weber anvertraut. Im Zusammenspiel mit einem Pionier der frei improvisierten Musik in Europa, mit Sven-Åke Johansson, erhalten die Texte zu Weiss‘ Bildern schließlich einen klanglichen Körper. Verteilt über Jedenfalls Krähen kommen dazu Bildende Künstler zu Wort, die in spontanen Bildbeschreibungen einen ersten Blick auf die Arbeiten ihres Malerkollegen werfen: kundige Besucher in einem fiktiven Atelier.“
Aber auch über Peter Weiss hinaus lohnt sich das schöne gestaltete Hörspielprogramm des Bayerischen Rundfunks, das man sich kostenlos zusenden lassen kann: Für Besitzer_innen von Digital-Empfangsgeräten kein Problem, sich die exzellenten Produktionen auch sonstwo im Lande anzuhören.

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