97

97
August 6, 2016 fritz

97 Peter Weiss, Schweden und die Beatles

Am vergangenen Dienstag, 2.August 2016, gab es eine wirklich tolle Veranstaltung – „Peter Weiss in Schweden“ im Rahmen der Peter-Weiss-Woche im Brecht-Haus in Berlin.

Einige die nicht früh genug da waren, mussten den auch nach draußen übertragenen Anekdoten und Erläuterungen der großartig referierenden Gunilla Palmstierna-Weiss und dem neben ihr verblassenden Gustav Landgren lauschen. Jörg Sundermeier führte gekonnt durch den Abend. In Deutschland wird Peter Weiss allzu schnell als deutscher Autor gelabelt. Dass Peter Weiss auch Maler und Filmemacher war, ist schon nur noch wenigen bekannt. Schweden, als das Land, in dem der sich selbst als „Unzugehöriger“ bezeichnende Künstler als 22-Jähriger 1938 emigrierte und in dem er so etwas wie Heimat fand, blieb als Kontext seines Schaffens zu meist unberücksichtigt.

Weiss kam nicht als „richtiger“ Geflüchteter nach Schweden. Sein Vater immigrierte als erfolgreicher Textilfabrikant nach Schweden und baute ein großes Werk in der Nähe von Göteborg. Sohn Peter musste sich  nach seiner Ankunft nicht in einem Auffanglager aufhalten und war durch seine Eltern ökonomisch solide situiert. Gunilla Palmstierna-Weiss: „Peter ist nicht wie ein richtiger Flüchtling gekommen. Peter war immer ein Flüchtling gewesen, aber das ist mehr psychologisch (…).“

Peter Weiss setzte alles daran schnell in die künstlerischen Milieus aufgenommen zu werden und lernte sehr schnell aus dem Lexikon perfekt schwedisch. Peter heiratete seine erste Frau, die Künstler Helga Henschel. Er fand direkt Zugang zur literarischen und kulturellen Gesellschaft Schwedens. Man kann nicht sagen, dass er in der Gesellschaft integriert war, so Palmstierna-Weiss, denn „er war ja ein Mensch, der immer irgendwo irgendwie im Protest war, dann ist es nicht so einfach aufgenommen zu werden“. In seiner Kunst sei er immer seiner Zeit voraus gewesen. Später arbeiteten Peter Weiss und Gunilla Palmstierna-Weiss in einer sehr politischen und internationalistischen Künstler- und Intellektuellengruppe bei Stockholm. Weiss sei damals nicht politisch, sondern sozial engagiert, sagt seine langjährige Lebensgefährtin. Das Politische sei sehr viel später gekommen.

Peter Weiss schuf Filme ohne Geld, nur mit Hilfe seiner Freunde. Er wiederum unterstützte Gunilla und die Freunde. Als er Gunilla Palmstierna-Weiss beim Anbringen von Keramikarbeiten zu einem 60 Quadratmeter großen Relief half, für die die Künstlerin alle Aufmerksamkeit zukam, irritierte ihn das in seinem Rollenverständnis erheblich und verärgerte ihn sogar. Weiss musste sich mit seiner deutschen Erziehung an die Unterschiede zu einer praktizierten Gleichberechtigung in Schweden erst gewöhnen. Die Frauenbilder, die er später in der „Ästhetik des Widerstands“ beschrieb, waren, so Gunilla Palmstierna-Weiss, Konsequenz der erlebten Emanzipation der Frauen in Schweden. Deutschland und andere europäische Länder seien da weit hinterher gewesen, sagt sie.

Mit einem Auftrag einer schwedischer Zeitung reiste Peter Weiss, der gerade schwedischer Staatsbürger geworden war, 1947 nach Berlin, um über das junge Nachkriegsdeutschland zu berichten. Er hätte auch in Deutschland bleiben können, was er aber nicht wollte.

Er schrieb, nachdem er die Malerei aufgegeben hatte, als Schriftsteller sowohl in schwedisch als auch in deutsch, in einem Deutsch, dass jedoch durch das Leben in Schweden von der durch die Nazizeit bedingte Sprachentwicklung entkoppelt war. Er entwickelt einen konstruierten, allenfalls an das Deutsch vor dem Krieg anknüpfenden Stil, der wie bei andere Zurückgekehrten, etwa Teilen der „Gruppe 47“ als „Emigrantendeutsch“ kritisiert wurde. Aus diesem Kreis sei Peter Weiss vorgeworfen worden, dass seine „Sprache wie die von Goebbels klinge“, erinnert sich Gunilla Palmstierna-Weiss.

Peter Weiss schrieb sein Theaterstück „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“ und bot es dem „Könglichen dramatischen Theater“ an. Es wurde mit der Begründung „das ist unspielbar“ abgelehnt. Gunilla Palmstierna-Weiss betrachtet das im Nachhinein als ein großes Glück, denn so sei das Stück nach Berlin gekommen und dort ein Riesenerfolg geworden und weltweit aufgeführt worden, unter anderem auch in London unter Leitung von Peter Brook. Nach dem Erfolg kamen die Beatles und boten Peter Weiss an, eine Revue mit ihnen zu machen. Er hat dieses Ansinnen zum Entsetzen seiner Kinder abgelehnt, weil er an damals gerade an den Auschwitzprozessen gearbeitet hat und das für ihn nicht zusammenpasste. Mit dem Erfolg von Marat politisierte er sich, da er vom Publikum im Zuge der parallel zu den Aufführungen stattfindenen Studentenrevolte herausgefordert wurde, sich zu positionieren. Gunilla Palmstierna Weiss meinte dazu: „Die ganze Gruppe, in der wir in Schweden verkehrten, war unglaublich politisch engagiert. Peter war ja für das Soziale da und Menschen, die leiden. Aber nach Marat ist es unglaublich schnell gegangen. Wir haben alle Marx als Zwanzigjährige gelesen und nix verstanden, und er hat es mit 40 Jahren gelesen und hat plötzlich etwas entdeckt, woran lange weiterarbeiten konnte“. Er nahm nun zu vielen gesellschaftspolitischen Fragen entschieden Stellung und wurde für einige Zeit auch Mitglied der kommunistischen Partei, aus der später „Die Linke“ in Schweden hervorging.

Peter Weiss bekam Angebote, sowohl aus Ost- als auch aus Westdeutschland, sich dort niederzulassen. Er sah sich, wie übrigens auch bei längeren Aufenthalten in Paris, London und New York, nach Wohnungen um. Aber immer, wenn er etwas passendes fand oder angeboten bekam, schlug er es doch aus und zog „sein Schweden“ vor.

In Schweden wird sein 100.Geburtstag auch sehr groß gefeiert. So gibt es u.a. eine große Lesung in Malmö, in Stockholm wird ein Platz nach ihm benannt und eingeweiht, im Uppsala-Museum bei Stockholm würdigt eine Ausstellung den Maler Peter Weiss, die von Stiefsohn Mikael Sylwan mitgestaltet wird. Und Nadja, die gemeinsame Tochter von Gunilla Palmstierna-Weiss und Peter Weiss inszeniert, vom Königlichen Dramatischen Theater“ beauftragt das Auschwitzstück „Die Ermittlung“, die zu Weiss‘ Geburtstag am 8.November aufgeführt wird. Peter Weiss ist in Schweden ein anerkannter Künstler, wenn ihn auch jüngere Menschen heute genauso wie auch in Deutschland leider kaum mehr lesen.

0 Kommentare

Antwort hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.