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Oktober 1, 2016 fritz

Nur noch 41 Tage bis zur Stafettenlesung

Der Roman als leere, mythische Referenz

Die Künstlerin und Professorin Judith Siegmund hat ebenfalls für uns eine Passage aus der „Ästhetik des Widerstands“ eingelesen und sich auch zur aktuellen Bedeutung von Peter Weiss und seinem Werk geäußert: Siegmund lehrt an der Universität der Künste in Berlin und an der Freien Universität und erzählt, das sie zur „Ästhetik des Widerstands“ ein Seminar angeboten hat, welches im Grunde daran gescheitert sei, dass es den Studierenden „definitiv zuviel war, den Text zu lesen, sie fanden es zu arbeitsintensiv“. Aber sie hätten alle eine Idee davon gehabt, dass es sich um ein tolles, wichtiges Werk handelte. „Dagegen sperre ich mich irgendwie“, sagt sie, „weil das ist keine gute Bedeutung eines Romans, der quasi nur noch als eine Art Mythos existiert“. Jeder gebe als Referenz für die eigene „Widerständigkeit“ den Roman an, ohne ihn auch zu kennen. Sie kenne unheimlich viele Leute, die begeistert  seien von der „Ästhetik des Widerstands“ und damit das meinten, was sie sich darunter vorstellten, nämlich eine Interpretation des Titels. Diese Bedeutung habe das Buch in jedem Fall, es sei sehr bekannt und wichtig, werde hoch gehängt, moralisch und ästhetisch. Man könne, so sagt sie, durch einen kurzen Verweis auf das Buch ganz viel aktivieren, das jedoch werde der Bedeutung, die das Buch heute vielleicht haben sollte, nicht gerecht.

Ihr gefalle an dem Buch vor allem, dass es so abwägend geschrieben sei, dass eigentlich zu einem Thema sehr verschiedene Aspekte gegeneinandergesetzt würden, ohne zu entscheiden, wer recht hat. Die Bedeutung des Buches bestehe darin, dass es „uns dazu auffordert, ganz unterschiedliche Positionen zu einer Frage, zum Beispiel zum sozialistischen Realismus, einzunehmen und das Thema gleichzeitig in seiner ganzen Historizität zu begreifen zu versuchen. Man könne die geäußerten Positionen auch nicht eins zu eins als heutige Positionen betrachten, sondern als historische Ansichten. Es komme bei der heutigen Rezeption des Buches also eine weitere historische Schicht oben drauf, sagt Judith Siegmund. Es gehe also nicht um jetzt gültige Positionen zu den Themen, sondern um Positionen der 70er und 80er Jahre. Man betrachte also aus heutiger Perspektive die Geschichte der 1930er Jahre aus der Erzählperspektive Peter Weiss‘ aus den 1970er Jahren. Es sei nun an heutigen Rezipient_innen, mit der Methode Peter Weiss fortzufahren und neue Aspekte zu sammeln für die Forterzählung der Geschichte, wie sie im Buch beschrieben ist.

 

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