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Oktober 2, 2016 fritz

Nur noch 40 Tage bis zur Marathonlesung in Rostock

Sternhell: Festhalten an universellen Wahrheiten

Mit dem israelischen Historiker Zeev Sternhell eröffnete gestern Abend einer der bedeutendsten Faschismusexperten weltweit die Veranstaltungsreihe zur „Wiederkehr des europäischen Faschismus“ im Rahmen des Peter-Weiss-Festivals im Hebbel am Ufer (HAU) in Berlin. Im gut besetzten Theatersaal entwickelte Sternhell die Entstehung des Faschismus, den er in einigen Aspekten durchaus vom deutschen Nazismus unterscheidet, in den zurückliegenden 120 Jahren: Für ihn beginnt zwar die antiaufklärerische Strömung bereits noch früher kulminiert aber mit den sich überschlagenden technischen Entwicklungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die Bewegung gegen die universalistischen Ideen und menschenrechtliche Prinzipien habe die Idee der Gemeinschaft der Bürger_innen als künstlich verworfen und der Sehnsucht nach Zusammengehörigkeit das tribale Konzept des Völkischen entgegengesetzt. Sternhell weist in diesem Kontext stets auf Johann Gottfried Herders oft unterbelichtete Rolle als „Vater des modernen Nationalismus“ hin. „Herder hat die Menschen mehr auseinanderdividiert als dass er sie zusammenbrachte“, stellte Sternhell fest. Die Erfindung des Herderschen „Genius der Volksart“ habe weggeführt von „einer universalistischen Wahrheit“ hin zu einem „Pluralismus der nationalen Wahrheiten“ als Gegenstück zur Aufklärung. Demokratie sei im Zuge dessen auf einmal als von Übel betrachtet worden.

In Anbetracht der gegenwärtigen Entwicklungen in Europa und angesichts des dramatischen Rechtsrucks in fast allen Ländern des europäischen Kontinents, aber auch in den USA wies Sternhell darauf hin, dass eine geschichtliche Parallele mit der aktuellen Situation am ehesten in den Jahren vor 1940 zu sehen sei, der Inkubationszeit des europäischen Faschismus, in der das Schicksal internationalistischer Werte und als nicht zur nationalen Gemeinschaft gehörig erklärter Minderheiten besiegelt wurde.

Die Rasanz des Rechtstrends in Europa machte Sternhell am französischen Ex-Präsidenten Nikolas Sarkozy fest: Als er sich 2006 um das Präsidentenamt beworben habe, habe er sich als Sohn von Immigranten vorgestellt, der vom Tag seiner Geburt an Franzose gewesen sei und das als „Geschenk“ begriffen habe. In diesem Jahr reduzierte Sarkozy diese Selbstbeschreibung als Präsidentenkandidat auf das rechte Minimum, dass er Franzose und Christ sei. In diesem „Erwachen eines nationalen Bewusstseins“ bei Sarkozy sehe er, Sternhell, die Zerstörung einer universalistischen europäischen Identität zugunsten einer christlich-nationalistischen solchen.

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Box im HAU: Auch unsere Peter-Weiss-Video-Box ist zur Zeit im HAU zu sehen Foto: Nadolny

Auf die Frage von Moderatorin Stefanie Schüler-Springorum, der Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin, ob „wir“ also im Moment mit dem Rücken zur Wand stünden und die Werte der Französischen Revolution gerade eher defensiv zu verteidigen hätten, empfahl Sternhell eine Besinnung auf universalistischen Prinzipien: Geschichte und Wahrheit seien nicht einfach nur Narrative, sondern enthielten klare Konzepte von richtig und falsch. Eine Linke tue gut daran, auf diesen Konzepten zu bestehen und auf eine Veränderung des herrschenden Systems hinzuwirken: Kapitalismus und Neoliberalismus seien einfach falsch und müssten durch etwas anderes ersetzt werden. Es gebe einfach keine Alternative zum Marxismus.

Kritische Nachfragen zum Begriff der Aufklärung und seiner „negativen Dialektik“ sowie zu Sternhells Anrufung „universeller Wahrheit“ beim Kampf gegen Faschismus blieben dann jedoch weitgehend unbeantwortet.

Heute Abend geht es in der von Bini Adamczak kuratierten Reihe Die Wiederkehr des europäischen Faschismus mit dem Thema „Ökonomie des Faschismus“ weiter, auf dem Podium werden Boris Buden, Tomasz Konicz und Hannah Lichtenberger diskutieren. Weitere sehr spannende Veranstaltungen werden sich im Laufe der kommenden Woche mit dem NSU-Komplex und mit antifaschistischem Widerstand beschäftigen.