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Oktober 10, 2016 fritz

Noch 32 Tage, einen Monat und einen Tag, vor der Stafettenlesung

„Es sollte wieder gelesen werden von der nächsten Generation“

Die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Annett Gröschner bedauert es sehr, dass Peter Weiss heute an den Unis kaum noch gelehrt wird. Sie erinnert sich noch gut an die Zeiten ihres Germanistikstudiums, zeitweise auch in Paris, wo die „Ästhetik des Widerstands“ definitiv eine Art Kultbuch gewesen ist, von dem damals alle behaupteten, sie hätten es gelesen. „Da ist so’n bißchen die Zeit drüber weggegangen“, sagt sie. Sie erinnert sich an Zeiten, wo sie mindestens fünf bis sechs Leuten begegnet ist, die Ihre Doktor- oder Magisterarbeit über die „Ästhetik“ geschrieben haben. Dabei sei der Roman eines der Bücher, das sich auf eine andere Art und Weise mit der linken, sozialistischen, kommunistischen Bewegung auseinandersetze als etwa der sozialistische Realismus. Es sei deshalb ein wichtiges Buch für die Literaturgeschichte: „Ich finde auch, dass es wieder gelesen werden sollte von der nächsten Generation“, sagt Gröschner, und sei es „gegen den Strich“.

Die aus Magdeburg stammende Wissenschaftlerin hat die „Ästhetik des Widerstands“ während eines längere Krankenhausaufenthalts gelesen. Es sei in der DDR in drei Bänden in sehr kleiner Auflage gedruckt worden, so dass es nur sehr wenige bekommen hätten und das seien ihrer Meinung nach „immer die Falschen“ gewesen. Jedenfalls seien ihr zwei der drei Bände der Westausgabe, die sie sich von einem Freund geliehen hatte, gestohlen worden. Sie habe dann Westgeld organisiert und sich von Freunden eine Raubkopie in Westberlin besorgen lassen, wo damals von allen wichtigen Werken Raubkopien auf den Büchertischen vor der FU Berlin verkauft wurden. Doch statt der dreibändigen Ausgabe bekam sie die einbändige, klein gedruckte Suhrkamp-Version: Der Freund nahm es hin. Mehr als der Roman selber hätten sie aber die „Notizbücher“ begeistert, die den Entstehungsprozess des Romans und das zusammengetragene Wissen dokumentierten, über Stalinismus, die verschwundenen Leute und das unterdrückte linke Wissen. Sie sei damals, so erzählt sie, Mitglied eines „studentischen Geheimzirkels“ gewesen, in dem sich Studierende aus West- und Ost-Berlin getroffen hätten. In diesem Lesekreis hätten sie die „Ästhetik“ gelesen und sich anhand einer Postkarte etwa des Gemäldes „Das Floß der Medusa“, das im Roman eine wichtige Rolle spielt, dem Text genähert. „Das ist eine bessere Universität gewesen als die, die ich eigentlich besuchte“, sagt Annett Gröschner.

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