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Oktober 30, 2016 fritz

Vorbereitungen zur Open-Air-Lesung aus der „Ästhetik des Widerstands“ in Wilsen bei Groß Schwaß bei Rostock Foto: Heidi Schneekloth

Nur noch 12 Tage bis zur Stafettenlesung

Ästhetik an der Obstpresse

Peter-Weiss-Lesung Ende Oktober unter freiem Himmel

Dass er da, ein paar Kilometer westlich der Hansestadt Rostock, um die Ecke von Groß Schwaß, tatsächlich würde im Freien lesen sollen, hatte der Vortragende nicht erwartet. Eine steife Brise trieb allerlei Wolkengesindel am Himmel umher, weit aufgefächerte Schwärme blechern tönender Gänse flogen mit schrillem Schrei nach Norden und auch auf dem Erdboden war es matschig und kühl. Aber die wacker mostenden Mitglieder und Gäste des 9Raben-Kollektivs ließen sich von einer Open-Air-Lesung Ende Oktober nicht abbringen, obwohl im nahen Anwesen warm erleuchtete Fenster einladend ihr Licht nach außen warfen. Eine dahinter versammelte Geburtstagsrunde wäre sicher auch lieber im gemütlichen Innern des Hauses geblieben.

Aber nein: Während fleißige Hände an der mobilen Obstpresse noch eine Runde Obstsaft pressten und Karotten zum Entsaften schredderten, wurde ein Feuerkorb herangeholt, ein kleines rotes Tischchen und ein buntes Auditorium verschiedener Stühle im Halbkreis darum aufgestellt. Bald prasselte im Korb ein Funken sprühendes Feuer und ein gutes Dutzend Erwachsene und ein paar Kinder nahmen auf de Stühlen Platz. Der Projektverantwortliche der Rosa-Luxemburg-Stiftung für die Stafettenlesung in Rostock, Friedrich Burschel, führte kurz in Leben und Werk Peter Weiss ein, wies noch einmal einladend auf die Marathonlesung vom 11. – 13. November im Peter-Weiss-Haus in Rostock hin und begann dann mit einem längeren Abschnitt aus der „Ästhetik des Widerstands“, wo es auf verschiedenen Erzählebenen um die Gleichzeitigkeit des Scheiterns der Spanischen Republik, den Siegeszug des Faschismus Ende der 1930er in Europa und um die stalinistischen Schauprozesse in Moskau geht (Bd. I, S. 292 – 302). Trotz einbrechender Dunkelheit und zugigem Wind, der Rauch und Flammen im Korb bald hierhin, bald dorthin warf, hörten alle aufmerksam zu und hatten nichts gegen einen weiteren Teil, den Bericht über das, was der schwedische Ingenieur Nyman dem Erzähler aus dem Nazideutschland der ersten Jahre der 1940er Jahre erzählt hatte, über das Einverständnis der Deutschen mit Krieg und Terror und über einen eulengesichtigen Grafen von Seydlitz, der von Massenvernichtung mit Giftgas berichtet habe (Bd. III, S. 117 – 122). Noch mit einer Fahrrad-Stirnlampe  schließlich musste sich der Vortragende Behelfen, um die Lesung zuende führen zu können. Im Anschluss daran aber blieben die meisten sitzen und beteiligten sich noch an einer angeregten Diskussion zu Peter Weiss, dem eben gehörten, seiner Aktualität für die gegenwärtige Situation in Deutschland und Europa und wie sich in Ost- und Westdeutschland in der Nachkriegszeit und dann in den 1960er- und 70er Jahren mit dem Holocaust auseinandergesetzt wurde.

Als Lohn gab es eine 5-Liter-Kanister des am Nachmittag frisch gepressten Apfelmosts.

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