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September 6, 2016 fritz

Nur noch 66 Tage bis zur Stafettenlesung

Trotsky-Leon-1940

Leo Trotzki im mexikanischen Exil im Juni 1940 Foto: Alexander Buchman

Trotzki (nicht) in Rostock

Der Streit um Peter Weiss‘ Stück „Trotzki im Exil“ in der DDR

Im Zentrum des Streites um Weiss‘ Stück stehen der Autor selbst und sein Freund, der legendäre Intendant des „Rostocker Volkstheaters“, Hanns Anselm Perten. Pertens entsetzte Ablehnung des Werkes über den verbannten und aus der Geschichtsschreibung zur Russischen Revolution getilgten Leo Trotzki spiegelt die doktrinäre Linie der DDR-Kulturpolitik am Ende der 1960er Jahre wider und ist insofern für die Auseinandersetzung mit Weiss und seinem Werk überaus bedeutsam. Im übrigen färbte der „Trotzki-Streit zu Rostock“, wie ihn der Journalist Peter Jacobs nennt, auch auf die Veröffentlichung der „Ästhetik des Widerstands“ in der DDR ab, die zunächst „schroff abgelehnt“ wurde: Nach den Rissen, die die Freundschaft zwischen Weiss und Perten durch das Trotzki-Stück bekommen hatte, war es wiederum Perten, der sich für eine Veröffentlichung des „für ein sozialistisches Land geschriebene[n] Buch[es]“ einsetzte: Eine Art Reueakt sieht Jacobs darin, der uns freundlichwerweise und „mit Grüßen vom Südhang des Prenzlauer Berges“ gestattet, seinen Aufsatz hier wieder zu veröffentlichen. Der Text ist zuerst im Juni 1997 in der Nr. 80 der  früheren Schriftenreihe der Rosa-Luxemburg-Stiftung UTOPIE kreativ erschienen:

Der Trotzki-Streit zu Rostock. Zum Verhältnis zwischen Peter Weiss und Hanns Anselm Perten

Sie waren Künstlerfreunde fürs Leben. Sie tauschten Briefe über die Ostsee, erkundigten sich nach dem Wohl ihrer Gattinnen und verabredeten sich in Rostock, Stockholm oder Paris. Sie redeten sich an als Genossen, und sie pflegten – jeder auf seine Weise – ihre Träume von einer gerechten Gesellschaft.

Den Dramatiker, Erzähler und Filmautor Peter Weiss (1916-1982) nannte das Literaturlexikon der DDR »einen um sozialistisches Weltbild ringenden Schriftsteller«. Kein Wunder: Weiss schrieb szenische Dokumentationen, die schon im Titel dem guten alten Agitprop-Theater nahezustehen schienen: „Die Ermittlung“ (zum Auschwitz-Prozeß in Frankfurt am Main), „Viet Nam Diskurs“ oder auch den „Gesang vom Lusitanischen Popanz“ (über die portugiesische Kolonialherrschaft in Afrika).

Der Intendant des Rostocker Volkstheaters, Hanns Anselm Perten (1917-1985) galt für einen Teil der DDR-Szene als einer, der seine Spielplanpolitik bis an den Rand des ideologischen Risikos trieb. Rolf Hochhuth, der bei Perten so ziemlich alles unterbekam, vom „Stellvertreter“ bis zu „Lysistrate und die NATO“, war des Lobes übervoll: „Seit Piscator verstummte, ist es allein Perten, der in beiden Teilen Deutschlands nicht nur, sondern im deutschsprachigen Raum … uns Autoren des politischen Theaters die Sicherheit gibt, für unsere Arbeit eine repräsentative Bühne zu finden.“ Das hätte Weiss aus der Distanz seines Exillandes Schweden, das ihm zu neuen Heimat geworden war, wohl nicht so vollmundig geschrieben. 16 Briefe aus dem Nachlaß Pertens, die jetzt von der Akademie der Künste in Berlin ersteigert worden sind, ergeben Aufschluß, daß ihr Verhältnis gelegentlich getrübt war von Taktieren, Versteckspiel und Bitterkeit.

Der Stein des Anstoßes hieß „Trotzki im Exil“. Im Mai 1969 teilt Weiss seinem Freund mit, daß er ein Stück geschrieben habe, welches sich mit der „Entwicklung der internationalen sozialistischen Revolution“ befasse. Der Verräter, der Volksfeind, der politische Sündenbock, der Satan in der sowjetischen Geschichtsklitterung auf die deutsche Bühne! Für den sonst so aufs Politische in der modernen Dramatik fixierten Bühnenpolterer Perten ein Sakrileg. Er teilt seine Bestürzung mit. Der liebe Freund“ in Linanäs, der für den devisenknappen Intendanten in Rostock schon mal Bücher beim Suhrkamp-Verlag ordert, antwortet erschüttert: „Und Ihr habt das Stück noch nicht einmal gelesen.“

Es ist die Zeit der abgeebbten Studentenrevolten in Westeuropa, des noch nicht ganz ausgebluteten Prager Frühlings und des anhaltenden Vietnamkriegs. Hochhuth, Walser und Antonio Buero Vallejo aus dem Westen, Claus Hammel und andere aus dem Osten liefern Zeitstücke, die dank Perten gerade in Rostock Furore machen. Weiss, bekennendes Mitglied der schwedischen Linkspartei-Kommunisten, will die Wahrheit auf die Bühne befördern, und nichts als die Wahrheit. Da sieht er in der Figur Trotzkis Nachholebedarf: „Wie sehr ist dieser ‚Volksfeind‘ und ‚Verräter‘ doch zu einem Begriff geworden, während gleichzeitig alle historischen Einzelheiten über ihn unbekannt bleiben“.

Dies schreibt er in seinem zweiten Brief, datiert vom 13. Juni 1969 aus Paris, und es ist schon ein Rechtfertigungsversuch. Den ersten hat er am 31. Mai aus Stockholm geschickt. Da ist er noch überzeugt, daß es „ein großes Stück geworden“ ist, „die starke Dramatik eher an Marat erinnernd, doch nichts von Singspiel, keine Verse, Chöre – sondern realistischer Dialog“. Blauäugig ist er nicht, er kennt seine realsozialistischen Ostseeanrainer, ahnt, daß dieses Stück „zur Zeit in der DDR nicht aufgeführt werden kann“. Aber er „fände es doch richtig, wenn Du (Perten) es von Volkstheater aus bei Suhrkamp anfordern würdest, um es zu lesen, und – vor allem – um mir Deine Sicht zu diesem Thema mitzuteilen“.

Um so größer die Enttäuschung über die eisige Ablehnung in Rostock. Konsterniert schreibt Weiss aus Paris: „Was ich möchte, ist nur: Trotzki an den Platz stellen, der ihm historisch zukommt“. Und in düsterer Ahnung: „Dass dieses Stück zu heftigen Reaktionen von seiten vieler Genossen führen wird, dessen bin ich sicher, und das muß ich in Kauf nehmen. Mein Marxismus läßt sich deswegen nicht trüben“. Und fast flehentlich: „Liebe Genossen, ich glaube nicht, daß ihr an meiner Haltung zweifeln könnt, dazu haben wir viel zu lange und viel zu eng freundschaftlich zusammengearbeitet. Auch dieses Stück ist für mich ein Frontalangriff auf die kapitalistisch-imperialistische Welt“.

Freilich nicht für die Wahrer der reinen Ideologie, die auch bestimmen, was auf dem Feld der Kultur dem Volk und der Partei vorzuenthalten ist. Am 28. Oktober wendet sich Weiss an den Kulturminister Klaus Gysi und verlangt eine „kritische Analyse“. Er habe bisher keine marxistisch-leninistische Literatur finden können, „aus der Überzeugendes über Trotzki zu erfahren gewesen wäre“. Maliziös fügt er hinzu, „die Ausmerzung des Namens in den Annalen der Revolution“ und die fortgesetzte Diffamierung Trotzkis „als übelsten Feind des Leninismus“ habe ihn, Weiss, „davon abgehalten, zu Beginn der Arbeit Ratschläge von Euch einzuholen“.

Im Trotzki-Streit kann sich der Intendant des Volkstheaters Rostock freilich keinen Spielraum erlauben. Er ist selbst Mitglied der SED-Bezirksleitung und fest eingebunden in die sozialistische Kulturpolitik. Zum 25. Bühnenjubiläum dankt ihm Ideologiechef Kurt Hager „für unermüdliches kulturpolitisches Wirken“. Zum 50. Geburtstag, auf dem er den Professorentitel empfängt, lobt der damalige Bezirksparteichef Harry Tisch „die Einheit von künstlerischer Leistung und politischer Aussage“. Fünf Jahre später freut sich das Schauspielensemble kollektiv, „daß wir zum VIII. Parteitag einen eigenen Delegierten entsenden dürfen, ‚unseren‘ Professor“.

Dem Durchschlag des Briefes von Peter Weiss an den Kulturminister, der sich in Pertens Nachlaß fand, liegt der Entwurf einer Antwort bei, die geschrieben ist in einem hohltönenden Parteichinesisch. „Objektiv ein durch und durch antisowjetisches Stück, wie es seit Jahren und Jahrzehnten nicht eindeutiger geschrieben worden ist“, präjudiziert Perten. Der „Doppelsinn des Titels“ unterstelle, der Trotzkismus sei „eine zeitgemäße Form des Marxismus“, diese These sei „nicht nur falsch …, sondern in ihrer Konsequenz auch feindlich“.

Der Theatermann macht sich zum moralischen und intellektuellen Tiefflieger und seinen Stückeschreiber zum Klippschüler. „Du weißt, daß ich Dir keine Böswilligkeit unterstelle, sondern von der Annahme ausgehe, daß Du subjektiv um Klärungsprozesse bemüht bist“, stelzt er und empfiehlt Weiss, die Dialoge mit den Beschlüssen der Moskauer Weltkonferenz zu vergleichen. Die unverrückbare Lehrmeinung über Trotzki fügt er vorsichtshalber gleich bei: in Form einer Abschrift aus der „Geschichte der KpdSU“, Bd. 1, Vorwort, S. 32/33. Der Text läßt noch immer die Handschrift des kaukasischen Ayatollah erkennen. Perten will sich natürlich nicht vor Weiss zu einem stalinistischen Narren degradieren und beugt weiteren Diskussionen lieber vor: „Die räumliche Entfernung und die vielfältigen Aufgaben“ ließen leider keine persönlichen Gespräche zu. „Deshalb habe ich mich verpflichtet (!) gefühlt, Dir diesen Brief zu schreiben.“

Vermutlich ist der Perten-Text in dieser Form mit dem Zentralkomitee abgestimmt worden. Hagersche Kulanz waltete immer nur in Nebensächlichkeiten. Wo die Machtkontinuität der herrschenden Politjunta hätte infrage stehen können, fiel der eiserne Vorhang ideologischer Disziplin. Da half es auch nicht, daß Weiss einen Zusatztext schreiben wollte, „um alle Mißverständnisse abzuwehren“, und sich darauf berief, daß man „beim Lesen der Protokolle über die Zusammenkünfte der Bolschewiki“ erkennen könne, „wie rücksichtslos, hart und oft beleidigend der Ton der alten Kämpfer war, und daß sie dies einander nicht übel nahmen“. Der Text wurde nur im Westen gedruckt. Perten kam offenbar nie wieder darauf zurück.

Sieben Jahre später aber so etwas wie ein Reueakt. Weiss hat seinen dreiteiligen Roman „Ästhetik des Widerstands“ fertig und stößt wieder auf schroffe Ablehnung bei der offiziellen DDR-Kulturpolitik. Sein Freund in Rostock dagegen nennt es „ein Jahrhundertbuch, das in den goldenen Fonds der Literatur der kommunistischen Weltbewegung eingehen wird“. Er äußert „Bitternis“ über „die pure politische Dummheit und Feigheit“ und teilt Weiss am 14. April 1976 mit, daß er bei Hager interveniert habe wegen „des grotesken Zustands, daß ein für ein sozialistisches Land geschriebenes Buch nur im Kapitalismus verkauft wird“. Doch es ist zu spät. Für das Politbüro ist der kurze Kulturfrühling der ersten Honecker-Jahre schon zu Ende. Sieben Monate danach wird Wolf Biermann ausgebürgert.

Erst sieben Jahre nach der Fertigstellung des Manuskripts kommt die „Ästhetik des Widerstands“ im Henschel-Verlag heraus. Weiss hat es nicht mehr erlebt. Aber er hat wenige Tage vor seinem plötzlichen Tod am 10. Mai 1982 dem Freund einen Brief geschrieben mit „Dank für Deinen Mut, Deine Ausdauer, Deine unbestechlichen künstlerischen Sinn-Eigenschaften… Sei herzlich umarmt von Deinem Mitarbeiter und Genossen. Dein Peter“.

Perten starb drei Jahre später.

Peter Jacobs – Jg. 1938, Studium der Journalistik in Leipzig, Redakteur für Außenpolitik – ab 1961 bei der „Berliner Zeitung“ und 1975 bei der „Neuen Berliner Illustrierten“, von 1995 bis zur Einstellung der Zeitschrift 1997 bei der „Wochenpost“. Autor zahlreicher Reportagebücher, Bildbände (alle mit dem Fotografen Thomas Billhardt) und Kinderbücher. Er lebt als freiberuflicher Journalist in Berlin.

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