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September 9, 2016 stefan n

Noch 63 Tage bis zur Stafettenlesung in Rostock

„Ästhetik des Widerstands“ heute oft nur „Riot porn industry“

Sookee, politisch aktive Rapperin aus Berlin, wurde als Nora Hantzsch 1983 in Mecklenburg-Vorpommern geboren. Sie ist auch unter ihrem zweitem Pseudonym „Quing of Berlin“ bekannt und agiert u.a. in Queer-Zusammenhängen, aus denen heraus sie sich gegen Homphobie und Sexismus, Rassismus und Verklärung heutiger gesellschaftlicher Verhältnisse positioniert.

Vermutlich gab auch ihr familiärer Hintergrund Impulse für ihr widerständiges Tun. Ihre Eltern verliessen aus politischen Gründen die DDR. Ihr Vater saß im Gefängnis, weil er den Dienst an der Waffe verweigerte.

Sookee erzählt, dass sie als Kind das erste Mal Berührung mit antifaschistischer Literatur über Anna Segher‘ großen Roman „Das siebte Kreuz“ bekam und im Nachgang auch auf Peter Weiss stieß. Die „Ästhetik des Widerstands“ indes las sie damals nicht. Erst vor ein paar Jahren, im Zuge eines Auftritts im Peter-Weiss-Haus in Rostock, stieß sie wieder auf ihn.

Für Sookee erzeugen große Werke wie die „Ästhetik des Widerstands“ eine Mischung aus Ehrfurcht und Distanz: „… massiv viel Text, unheimlich großes Thema, nimmt sich selbst so unheimlich viel vor (…), das ist viel zu groß, wie kann das ein Mensch schaffen, so viel unterzubringen, so viel zu wollen, so viel Aufarbeiten zu wollen, so viel diskursiv beizutragen, so viel – so viel, ja“.

Sookee fragt sich: Gibt es eine Ästhetik des Widerstands? Was ist dann ihr Weg von damals ins heute? Eher ernüchtert stellt sie fest, dass sie „gegenwärtig oft das Gefühl hat, dass die Ästhetisierung des Widerstands den Inhalt ablöst“. „Auch wenn die Popkultur eine gute Freundin von mir ist“, würde man heute vielleicht von „Riot porn industry“ sprechen, sagt Sookee. Sie vermutet dahinter eine Entwicklung, die sich „von einer absoluten Inhaltsdichte, also diesem massiven Werk, (…) so einen Weg geschaufelt hat, der nach was aussieht, aber nicht so richtig viel kann“. Das sei natürlich ein hartes Urteil über Gegenwartskunst, aber vielleicht werde es ja in ein, zwei Jahrzehnten wieder besser. Momentan sehe sie an ihrem eigenen Scheitern, ihrer eigenen Unfähigkeit, wirklich etwas auszusagen über diese Zeit, zu einer Aufarbeitung dessen, was gerade passiert, etwas beizutragen, dass ihr die großen Orientierungen fehlten. „Aber vielleicht bin ich nur einfach zu jung, keine Ahnung, kann auch sein. Das klingt jetzt schrecklich kulturpessimistisch – Scheiße!“

 

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