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September 14, 2016 fritz

Nur noch 58 Tage bis zum Ereignis!

Peter Weiss als Historiker der Arbeiterbewegung

Auch die Frankfurter Sozialwissenschaftlerin Elisabeth Abendroth kam über das Stück „Marat/Sade“ zu Weiss, damals noch Schülerin, aber schon im „Sozialistischen Deutschen Studentenbund“ (SDS) organisiert. Die Lektüre sei für sie eine Offenbarung gewesen, „weil es so wild war und so surrealistisch“. Für die Prosatexte sei sie wohl noch zu jung gewesen damals, mit denen sei sie gar nicht klar gekommen. Dann seien die Auschwitz-Prozesse gekommen und sowohl auf der Seite der Untersuchenden, als auch auf der Seite der Zeugen seien Menschen wie Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, Untersuchungsrichter Heinz Düx bzw. der langjährige Vorsitzende des Auschwitz-Komitees, Hermann Langbein gewesen, die mit der Familie Abendroth eng befreundet gewesen seien. Ursprünglich soll Arthur Miller vorgehabt haben, den Prozess in einem Stück zu verarbeiten, doch dann habe Peter Weiss das Stück „Die Ermittlung“ geschrieben, erinnert sich Elisabeth Abendroth. Obwohl die Familie das Buch kaum habe lesen können wegen der Nähe zum Gegenstand, sei Peter Weiss in der Familie nun als politischer und sprachgewaltiger Autor gegenwärtig gewesen.

Als ihr Vater, der große Politologe Wolfgang Abendroth, als Teilnehmer des Russell-Tribunals (Vietnam War Crimes Tribunal) nach Stockholm gereist sei, habe er Peter Weiss persönlich getroffen und kenengelernt. Irgendwann hätten sie erfahren, dass Weiss „an einem Widerstands-Projekt“ sitze, was auf Wolfgang Abendroth „fast wie eine Befreiung“ gewirkt habe, da er selbst seit langem an so eine Aufarbeitung des Arbeiterwiderstands gedacht habe, der ja in der „Ästhetik des Widerstands eine große Rolle spielt“. Als das Buch erschienen sei,  hätten die Eltern den ersten Band und später die beiden folgenden sofort in Händen gehabt. Und da der Vater kaum noch habe sehen können, habe ihm die Mutter das gesamte Werk vorgelesen und sie hätten quasi jeden Satz diskutiert. Sie habe dasselbe mit ihrem Mann damals in Marburg gemacht. In einem gemeinsamen Aufsatz über „Peter Weiss als Historiker der Arbeiterbewegung“ hätten sie diese Lektüre verarbeitet.

Essenz des Buches sei für sie – angesichts der Niederlage der europäischen Arbeiterbewegung – die Forderung nach der Einheit der Arbeiterklasse mit all ihren Fraktionen gewesen und ein Kampf gemeinsam auch mit den Bürgerlichen: „Alle, die etwas dagegen unternehmen, gehören zusammen und müssen zusammenhalten“. In Weiss‘ Text werde nichts verschwiegen auch nicht die sektiererischen Auseinandersetzungen der unterschiedlichen Fraktionen der Arbeiterklasse. Gerade unter den Bedingungen der Illegalität, sei noch größeres Unrecht innerhalb der Bewegung geschehen, sagt Elisabeth Abendroth. Und dennoch sei das Buch mit einem sehr verstehenden Blick geschrieben worden, auch für die, die in diesen finsteren Zeiten hätten bestehen müssen.

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