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September 24, 2016 fritz

Zitat Nr. 15

„Im Verlauf ihrer Selbstentblößung wird den Angeklagten, so stelle ich es mir vor, eine Gewißheit zuteil, daß sie mit ihrer Aufopfrung, wenn auch auf schreckliche Weise, ihrer Partei und ihrem Land einen letzten Dienst erweisen. Für eine solche Deformierung setzt ihr euch ein, rief Marcauer, weil ihr in eurer Männerwelt verhaftet bleibt. (…) Und das vertrittst du, sagte Marcauer, solche Exaltation nennst du kommunistisch, nur die Folter, die zur Vollzugsgewalt eurer Welt gehört, kann einen Menschen so entäußern, daß er seine Vernichtung mit Dank empfängt. An Radek erinnerte sie, diesen Speichellecker, der zuerst falsche Zeugnisse abgab, um seine eigne Haut zu retten, um wieder klettern zu können, dann die Verherrlichung des großen Patriarchen betrieb, des Allwissenden, Allsehenden, Weisesten der Weisen, bis auch er weggefegt wurde und unterging in Selbstbezichtigungen. Was wir hier sehn, sagte sie, ist nur eine Auswahl aus der Garnitur der Oberen, es sind nur die, die das Spiel bis ins letzte mitmachen, viele, die ihr Gesicht wahrten, die sich nicht zur Verleugnung ihrer selbst zwingen ließen, die Niedern, die wahren Kommunisten, wurden im Verborgnen abgeknallt, in Krestinski glühte noch ein Funke auf, dann wars auch mit seiner Überzeugung zu Ende. Seht doch, auf welche Weise die Angeklagten sich erpressen lassen. Sie geben nie begangne Untaten zu, um ihre Kinder, ihre Frauen zu retten. Zunächst wirkt dies edel, doch es kommt nur dem Weiterbestand ihres Systems zugute. Sie reißen die Familie mit, um sich in ihrer Entkräftung eine letzte Genugtuung zu verschaffen, indem sie sich als Beschützer ihrer Frauen wähnen. Die Frauen, das sind die Mitgefangnen ihres selbstsüchtigen Gefüges, die Frauen können als Geiseln dienen oder von andern Männern übernommen werden. Was hier geschieht, sagte sie, mag euch in Einzelheiten unverständlich scheinen, seinem Wesen nach aber ist es in seiner unendlichen Gleichförmigkeit allzu bekannt. Die Männerwelt, rief sie noch einmal, tobt sich hier aus. Die Gewitztesten, diejenigen, die sich am besten anzupassen verstehn, halten das Ruder, die Anspruchslosen bleiben auf der Strecke. Frauen werden da nur als Abfall gerechnet. Und wenn ihr mich Anarchistin nennt, so bin ich es in dem Sinn, als ich meine, daß die Tapferkeit keine Anweisungen braucht, die Planung schätze ich wie ihr, doch will ich sie klassenlos, ohne Bevorteilungen, ich bin für äußerste Gewalt gegen den Feind, diese aber braucht keine Büffel als Gespann, ihre Wirkungskraft ist am größten, wenn das Kollektiv intakt ist.“

(Suhrkamp-Ausgabe in einem Band, Frankfurt am Main 1983, Band I, S.293f)

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