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August 9, 2016 fritz
Noch 94 Tage bis zur Stafettenlesung

Peter Weiss am Volktheater Rostock

Sewan Latchinian wollte Peter Weiss am Volkstheater Rostock würdigen – mit gutem Grund. Latchinian, Jahrgang 1961, ist in Leipzig aufgewachsen. Im unserem Interview konnte er sich aus seiner Kindheit an eine Fernsehübertragung der Inszenierung von „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“ am Volkstheater Rostock im DDR-Fernsehen erinnern, was seine erste Begegnung mit Peter Weiss war.

„Die Ästhetik des Widerstands“ hatte in seinem ersten Studienjahr an der Ernst-Busch-Schauspielschule auf ihn eine magische Anziehung. Die drei Bände waren  gerade – kurz nach Peter Weiss‘ Tod 1982 – in der DDR bei Henschel erschienen, in einer sehr kleinen Auflage, so dass es „Bückware“ war. Ein Kommilitone hatte eine Ausgabe ergattert und Sewan bekam den jeweils ausgelesenen Band von ihm geliehen. Die Anziehung für die damaligen Studierenden entstand durch den elektrisierenden Versuch „den Sozialismus vor seiner Pervertierung bewahren zu können durch unsere Kunst, wie wir ihn bei seinen utopischen Ansätzen vielleicht immer noch ernst nehmen könnten und wie wir andererseits vor allem suchten, wo zwischen den Zeilen etwas mehr Wahrheit zu finden war als in den Zeitungen geschrieben stand. Da war die Ästhetik durchaus eine nächste große Prägung“. Für Latchinian sind die Stücke von Weiss zwar auch heute zeitgemäß, doch ihnen fehlt eine starke Lobby. Das kann aber seiner Meinung nach auch eine Chance sein, um „neben all dem Geschwätz, all der Orientierungslosigkeit und Verblödung, die um uns herum passiert“, das Jubiläum, Peter Weiss‘ 100. Geburtstag, als spannende Anregung zu betrachten und als Beschreibung „von Geschichte des vergangenen Jahrhunderts, die immer noch in unsere Gegenwart ragt und deren Utopien immer noch nicht erlöst wurden“ – ohne ihn „zu überhöhen, aber ihn auch nicht zu unterschätzen“.
Sewan Latchinian war von 2014 bis 2016 Intendant am Volkstheater Rostock. Aktuell setzt er sich gerichtlich mit der Hansestadt Rostock auseinander und ficht seine fristlose Kündigung an. Als Rechtsanwalt vertritt ihn Gregor Gysi, der ebenfalls am Projekt der Stafettenlesung beteiligt ist und dessen Vater Klaus im Streit um das Stück „Trotzki im Exil“ als Kulturminister, ebenso wie Latchinians illustrer Vorgänger Hanns Anselm Perten, eine Rolle spielte. Es kann vermutet werden, dass es im Gerichtsprozess nicht allein um die Unrechtmäßigkeit von Latchinians Kündigung gehen wird, sondern auch um das kulturpolitische Desaster, das im Zuge städtischer Kürzungen entstand, die dem Volkstheater auf allen Ebenen enorm geschadet haben. Eine der Folgen wird auch sein, dass am Volkstheater die von Latchinian angekündigte Jubiläums-Inszenierung eines Weiss-Stückes sehr wahrscheinlich ausbleibt. Im Gespräch war eben genau „Trotzki im Exil“, das zu DDR-Zeiten in Rostock nicht gespielt werden durfte (ein Beitrag dazu folgt auf unserem Blog in Kürze!). Darüber hinaus ist so auch die Chance vergeben, kommendes Jahr zum 100. Jahrestags der Oktoberrevolution mit Peter Weiss‘ Perspektive auf die Pervertierung der Revolution unter Stalin eine aufgeklärte Reflexion von Utopie und Wirklichkeit der Revolution und ihrer Folgen neu anzustoßen.

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