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August 11, 2016 fritz

Noch 92 Tage bis zur Stafettenlesung

 

Peter Weiss „sicher nicht unschuldig“ an Gründung des „Verlags der Autoren“

Karlheinz Braun gehört zu den Entdeckern von Peter Weiss. Ab 1959 war er Lektor im Suhrkamp-Verlag und als solcher las er „Der Schatten des Körpers des Kutschers“ mit Begeisterung. Braun nahm Kontakt zu Peter Weiss auf und fragte nach Theaterstücken. Peter kündigte prompt mehrere Stücke an und schickte dann ein „wüstes, antibourgeoises, surreales Stück“ „Die Versicherung“, das Braun gefiel und Theatern anbot. Aber niemand wollte es spielen. Mit dem Bühnenstück „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“, meist übersichtlicher „Marat/Sade“ abgekürzt, war das anders. Weiss ist mit diesem und den nächsten Stücken zum Weltautor geworden. Braun pflegte mit Weiss  sehr enge Beziehung zum einen beruflich, insofern er alle Stücke in ihren verschiedenen Fassungen begleitete und an die Bühnen brachte, aber auch privat – bis 1969.

Nach dem Welterfolg von „Marat/Sade“ war Weiss Deutschlands führender Dramatiker.

Karlheinz Baun: Alle Theater fragten nach neuen Stücken. Das letzte Stück in ihrer Zusammenarbeit war der „Vietnam-Diskurs“. Dann kam 1969 der Lektoratsaufstand. Die Lektoratsmitarbeiter_innen forderten gemeinsam mit vielen Autor_innen künstlerische Mitbestimmung im Suhrkamp-Verlag, was ihnen verweigert wurde. Die Mehrzahl der Lektor_innen hat nach dem Scheitern des Aufstandes den Verlag verlassen oder wurde gekündigt. Braun gründete dann mit anderen Lektor_innen und Autor_innen den „Verlag der Autoren“, der den Schöpfer_innen der Werke und ihren Bearbeiter_innen gehören sollte. Weiss war einer der größten Befürworter und alle hatten damit gerechnet, „dass er Mitbegründer wird“. Aber Weiss hat damals letztlich unerwartet nicht mitgemacht: „Alle waren sehr enttäuscht, was ihm viele Mitstreiter des neuen Verlages sehr übel genommen haben“. Heute kann Braun verstehen, dass Peter Weiss im Suhrkamp-Verlag angesichts seines biografischen Hintergrundes eine Art Heimathafen gesehen hat, den er nicht verlassen konnte oder wollte, um sich auf ein ungewisses Abenteur wie den „Verlag der Autoren“ einzulassen. Die Wege von Braun und Weiss trennten sich. „Insofern hatte Weiss einen großen Einfluss, da er sicher nicht daran unschuldig ist, dass der ‚Verlag der Autoren‘ vor nun auch schon fast 50 Jahren gegründet wurde“.

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