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August 17, 2016 fritz

Noch 86 Nächte bis zur Peter-Weiss-Stafettenlesung

Giftschränke, Westliteratur, Peter Weiss, Rostock und die Universität

Die Stafettenlesung versucht die Vielfalt der Bezüge und Zugänge, die Menschen aus unterschiedlichen zeitgeschichtlichen Kontexten in kulturellen, politischen, aber auch im akademischen Feld haben mit den 100 Lesenden zu repräsentieren. Wir freuen uns, dass wir Hella Ehlers für das Vorhaben gewinnen konnten, u.a. auch weil quasi sich über die Beschäftigung mit Hella Ehlers ein Einblick in den akademischen Betrieb der Germanistik in der DDR und den damaligen Bedingungen, sich akademisch mit „Westliteratur“ auseinander zu setzen, gewinnen lässt. Neben den kurzen Video-Statements empfiehlt sich ein Blick in das Zeitzeuginnen-Gespräch mit Hella Ehlers das im Sammelband „Frauenstudium in Rostock. Berichte von und über Akademikerinnen. Rostocker Studien zur Universitätsgeschichte Band 9“ auf Seite 257ff dokumentiert ist. Hier erfährt man u.a. wie die „Giftbibliothek“ für „Westliteratur“ funktionierte, die sich im heutigen „Rostocker Hof“ befand, wie die Uni Rostock zu DDR-Zeiten West-Bücher über die Universität Princeton/USA  beschaffte oder wie sich Lenins Überzeugung, dass es in der bürgerlichen Gesellschaft zwei Kulturen gebe und sich demzufolge zwei Literaturen entwickelten, eine „antifaschistisch/antikapitalistische“ und eine „bürgerliche“, auf die Forschungsperspektive der DDR-Germanistik auswirkte. In diesen Kontexten lässt sich auch einiges über die DDR-Rezeption von Peter Weiss ableiten und verstehen.
Hella Ehlers erste Begegnung mit Peter Weiss resultierte aus dem akademischen Betrieb der Germanistik an der Universität Rostock der DDR Ende der 1960er Jahre. Es gab dort zum einen Lehrende, wie Hans Joachim Bernhard und Manfred Haiduk, die sich sehr für Peter Weiss und insbesondere seine dramatischen Arbeiten interessierten und Studierende an die Stücke heranführten. Zudem arbeitete die Germanistik mit den Theatern des Bezirks Rostock beratend zusammen und hatte den Auftrag Rezensionen u.a. für den Rundfunk zu liefern, so dass die Studierenden häufig in die Theater zu Aufführungen und Proben in Rostock, Greifswald und Stralsund gingen und dadurch auch einen „inneren“ Einblick in den damaligen Theaterbetrieb bekamen. In ihrem zweiten Studienjahr wurde ein Treffen mit Peter Weiss, dessen Stücke damals im Volkstheater Rostock unter Hanns Amseln Perten aufgeführt wurden, und dessen Frau Gunilla Palmstierna-Weiss organisiert. Hella Ehlers war von dieser Begegnung stark beeindruckt, was den Impuls zur vertiefenden Beschäftigung mit seinen Texten entstehen ließ.

Die praktizierte Zusammenarbeit und Beschäftigung mit Theater, das politisch wirken wollte, hatte auch Einfluss auf Hella Ehlers Lehrauftag als Assistentin und Oberassistentin, so dass sie in ihrer gesamten Laufbahn begleitend Veranstaltungen zu Peter Weiss anbot. In den Seminaren machte sie die Erfahrung, dass ihre Studierenden in der Beschäftigung mit Weiss‘ Texten immer viel für sich und der Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Themen ziehen konnten, was sie als Lehrende beeindruckte.

Aus der Perspektive einer Lehrenden beurteilt Hella Ehlers die „Ästhetik des Widerstands“ als Einstieg in das Werk als in vieler Hinsicht anstrengenden, schwierigen Text. Sie empfiehlt einen Umweg über die andere Arbeiten von Peter Weiss, seine frühen Texte, seine Prosa, seine Filme etc., um ein Verständnis für die Komplexität des Autors und seines großen Romans entwickeln zu können: die vielen Genres, die er darin bedient, seine bemerkenswerte Biografie, die seinen Arbeiten eingeschrieben ist, die politischen Ereignissen und Bewegungen des 20.Jahrhunderts, auf die er Bezug nimmt und die auch heute, wenn auch anders, aktuell sind.

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